Lebensgroße Felsbilder von Kamelen sind aus dem Neolithikum

Neue Studie eines internationalen Teams datiert die stark erodierten Reliefs auf das Neolithikum

15. September 2021

Die gigantischen Reliefs im nördlichen Arabien sind bislang einzigartig: lebensgroße Kamele sowie weitere Huftiere sind in die drei Felsvorsprünge gehauen. Insgesamt konnten bislang 21 solcher Reliefs gefunden werden. Aufgrund von Ähnlichkeiten mit Kunstwerken, die in Petra (Jordanien) gefunden wurden, wurde die Felsenstätte zunächst auf die Nabatäerzeit vor 2000 Jahren datiert. Ein neues Forschungsprogramm unter der Leitung von Forschenden des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte, des CNRS und der King Saud University setzte nun eine Reihe modernster Datierungsmethoden ein und datierte das Alter der Stätte auf das Neolithikum.

Tafel 12, die den Körper, die Beine und den Halsansatz eines erwachsenen Kamels zeigt, mit einem möglichen jungen Equiden links daneben.

Felsbilder sind in der Regel besonders schwer zu datieren. Insbesondere die Felsbilder der Kamele wurden durch Erosionen schwer beschädigt. Um das Alter zu bestimmten, nutzte das Team verschiedene Methoden, darunter die Untersuchung der Werkzeugspuren und Erosionsmuster, tragbare Röntgenfluoreszenzspektroskopie (pXRF) zur Messung der Dichte des Wüstenlacks und Lumineszenzdatierung von herabgefallenen Fragmenten. Zusätzlich konnten bei Probeausgrabungen homogene lithische Ansammlungen sowie Überreste von Fauna gefunden werden, welche mithilfe der Radiokarbonmethode ebenfalls datiert wurden.

Insgesamt deuten die Daten darauf hin, dass die Skulpturen im 6. Jahrtausend v. Chr. mit Steinwerkzeugen hergestellt wurden. Zu dieser Zeit war die Landschaft der Region ein savannenartiges Grasland mit Seen und Bäumen, in dem Hirtengruppen Rinder, Schafe und Ziegen hüteten. Auch wilde Kamele und Einhufer lebten in dem Gebiet und wurden jahrtausendelang gejagt.

„Mittlerweile können wir die Felsbilder einer prähistorischen Periode zuordnen, in der die pastoralistischen Bevölkerungen hier im nördlichen Arabien Felsbilder und riesige Steinstrukturen, auch als Mustatil bezeichnet, erschufen“, so das Team. „Die Kamelstätte ist deshalb Teil eines größeren Prozesses, bei dem sich verschiedene Gruppe regelmäßig trafen, um solche symbolischen Orte zu etablieren.“

Der Steinmetz des Teams schätzt die Bauzeit auf etwa 10-15 Tage je Relief ein. Währenddessen mussten die Meißel und Polierwerkzeuge häufig geschärft und ersetzt werden. Da der für die Herstellung der Werkzeuge verwendete Hornstein aus einer Entfernung von mindestens 15 km stammt und dass für die Herstellung der Reliefs zunächst eine Arbeitsplattform oder ein Gerüst gebaut werden musste, gehen die Forschenden davon aus, dass die Skulpturen wahrscheinlich eine Gemeinschaftsarbeit waren, die möglicherweise als jährliche Zusammenkunft einer neolithischen Gruppe diente.

Schrägansicht eines 3D-Modells der Stätte, von Nordwesten aus gesehen, welches die Position aller großen Reliefs (rote Sterne), kleinen Reliefs (weiße Sterne) und großen Fragmente (Sterne mit roter Umrandung) zeigt.

Die Reliefs sind Teil einer umfassenderen Felsbildtradition in der Region, die lebensgroße, naturalistische Tiere abbildet. Diese Formen von Höhenreliefs sind jedoch für die Region bislang einzigartig. Die Gewichtszunahme und die Hinweise auf die Paarungszeit in den Kamelreliefs lassen vermuten, dass sie möglicherweise symbolisch mit dem jährlichen Zyklus von Regen- und Trockenzeiten verbunden sind, mit dem die biologischen Veränderungen zusammenhängen. Rekonstruktionen des Steinbehaus sowie der Verwitterungsprozesse an der Fundstelle deuten darauf hin, dass die Stätte über einen längeren Zeitraum genutzt wurde, da die Felswände neu graviert und umgestaltet wurden. Gegen Ende des 6. Jahrtausends v. Chr. waren die meisten, wenn nicht sogar alle Reliefs, fertiggestellt, sodass die Stätte zu den ältesten großflächigen Reliefs weltweit gehört.

„Neolithische Gruppen kehrten wiederholt zu der Stätte zurück, was darauf schließen lässt, dass deren Symbol und Funktion über Generationen hinweg erhalten wurden“, so Hauptautorin Dr. Maria Guagnin. „Der Erhalt, sowie weitere Forschung über diesen Ort ist nun besonders wichtig, auch um herauszufinden, ob sich noch weitere solcher Stätten in der Region befanden. Die Zeit läuft jedoch gegen uns, da jedes Jahr durch Erosionen und Witterungsschäden mehr und mehr Reliefs verloren gehen werden.“

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