Bereits vor 7000 Jahren wurden in Arabien gigantische Monumente aus Stein errichtet

17. August 2020

Neue archäologische Forschungen in Saudi-Arabien dokumentieren Hunderte von Bauwerken aus Stein, die als monumentale Stätten interpretiert werden, an denen frühe Viehzüchter Rituale durchführten. In einer neuen Studie, die in der Zeitschrift The Holocene veröffentlicht wurde, stellen Forschende der Max-Planck-Gesellschaft in Jena zusammen mit saudischen und internationalen Kollaborationspartnern die erste detaillierte Studie über "Mustatil"-Steinbauten in der arabischen Wüste vor. Dabei handelt es sich um riesige Strukturen aus zu Rechtecken aufgetürmten Steinen, die zu den ältesten Großbauwerken der Welt gehören. Sie geben Einblicke in die Art und Weise, wie frühe Hirtenvölker in den herausfordernden Landschaften der halbtrockenen arabischen Halbinsel überlebten.

Blick entlang der Längsseite eines Mustatil-Baus. Die Forscher, die ganz klein am hinteren Rand der Struktur zu sehen sind, verdeutlichen dessen gewaltige Dimension. Das Bild zeigt die Struktur dieser Bauten als zwei Plattformen, die durch niedrige Wände verbunden sind.

In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Archäologie in Saudi-Arabien rasant entwickelt. Jüngste Entdeckungen umfassen frühe menschliche Siedlungen, die Hunderttausende von Jahren alt sind, ebenso wie nur wenige hundert Jahre alte Funde. Die archäologischen Funde in Westarabien geben jedoch auch Rätsel auf. So fanden Forschende Millionen von aus Felsen aufgeschichteten Steinbauten vor, , die von Grabmälern bis zu Jagdfallen reichen. Unter den rätselhaften Steinmonumenten gibt es eine Bauform, die aus riesigen Rechtecken besteht. Archäologen, die mit der Königlichen Kommission für Al-'Ula zusammenarbeiten, gaben dieser Bauform den Namen "Mustatil", die arabische Bezeichnung für Rechteck.

Mustatil-Bauten kommen nur im Nordwesten Saudi-Arabiens vor. Sie waren zuvor auf Satellitenbildern entdeckt worden. Da sie oft von jüngeren Strukturen verdeckt waren, wurde spekuliert, dass sie uralt sein und möglicherweise bis ins Neolithikum zurückdatiert werden könnten.

Blick ins Innere des größten bislang entdeckten Mustaril-Monuments, das sich über 600 Meter erstreckt. Dies ist nur eines von Hunderten von Beispielen für diese Art von Bauwerk.

Für die neue Forschungsarbeit unter der Leitung von Dr. Huw Groucutt (Leiter der Max-Planck-Forschungsgruppe Extreme Ereignisse, die allen drei Jenaer Max-Planck-Instituten für chemische Ökologie, für Menschheitsgeschichte und für Biogeochemie interdisziplinär verbunden ist), wurde von einem internationalen Forschungsteam unter der Schirmherrschaft des Green Arabia Project (ein großes Kooperationsprojekt unter der Leitung von Prof. Michael Petraglia von der Abteilung für Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte mit dem saudischen Ministerium für Tourismus sowie Mitarbeitern aus mehreren saudischen und internationalen Institutionen) erstmals eine detaillierte Studie über Mustatil-Bauten durchgeführt. Durch die Kombination von Feldvermessungen und der Analyse von Satellitenbildern hat das Forschungsteam sein Wissen über diese rätselhaften Steinmonumente erheblich erweitern können.

Mehr als einhundert neue Mustatil-Bauten wurden am Südrand der Nefud-Wüste, zwischen den Städten Ha'il und Tayma, identifiziert. Sie reihen sich damit in weitere Hunderte dieser Monumentalbauten ein, die zuvor bei der Auswertung von Google Earth-Bildern, insbesondere in der Gegend von Khaybar, identifiziert worden waren.  Das Team fand heraus, dass Mustatil-Bauten in der Regel aus zwei großen Plattformen bestehen, die durch parallele Längswände verbunden sind und sich manchmal über 600 Meter Länge erstrecken. Die langen Wände sind sehr niedrig, weisen keine offensichtlichen Öffnungen auf und befinden sich in unterschiedlichen Ausrichtungen in der Landschaft. Ungewöhnlich ist auch, dass in der Umgebung dieser Monumentalbauten kaum andere archäologische Kleinfunde, wie etwa Steinwerkzeuge, entdeckt wurden. Zusammengenommen deuten diese Umstände darauf hin, dass es sich bei den Bauten nicht einfach um Nutzgebäude, zum Beispiel für die Lagerung von Wasser oder die Haltung von Tieren, gehandelt hatte.

An einer Stätte gelang es den Wissenschaftlern, das Steinmonument durch Radiokohlenstoffdatierung von Holzkohle aus dem Inneren einer der Plattformen zu datieren: Demnach ist es mehr als 7000 Jahre alt. Es wurde auch eine Ansammlung von Tierknochen geborgen, die sowohl Wildtieren als auch Hausrindern zugeordnet werden können; möglicherweise handelt sich aber bei den Rinderknochen um die von wildlebenden Auerochsen. Bei einem anderen Mustatil fanden die Forschenden einen Stein, der mit einem geometrischen Muster bemalt war.

“Wir gehen davon aus, dass es sich bei den Mustatil-Bauten um rituelle Stätten handelt, an denen sich Gruppen von Menschen  zu sozialen Aktivitäten trafen. Was sie genau miteinander gemacht haben, wissen wir nicht", sagt Groucutt. "Vielleicht wurden die Stätten für Tieropfer oder Feste genutzt."

Die Tatsache, dass mehrere dieser riesigen Bauwerke manchmal direkt nebeneinander errichtet wurden, könnte darauf hinweisen, dass der eigentliche Akt ihrer Errichtung eine Art soziale Bindungsübung war. Nordarabien war vor 7.000 Jahren ganz anders als heute. Die Niederschläge waren höher, sodass ein großer Teil der Region grün und von Gras bedeckt war. Außerdem gab es verstreut einzelne Seen. Hirtenvölker konnten in dieser Umgebung gut mit ihren Viehherden leben, auch wenn Dürren ein ständiges Risiko für das Überleben von Mensch und Tier darstellten.

Die Hypothese des Forschungsteams ist, dass der Bau von Mustatilen eine Art sozialer Mechanismus war, um in dieser herausfordernden Landschaft zu leben. Sie sind vielleicht nicht die ältesten Gebäude der Welt, aber für diese frühe Periode der Menschheitsgeschichte, mehr als zweitausend Jahre bevor in Ägypten mit dem Bau von Pyramiden begonnen wurde, wurden sie in einem für diese Zeit einzigartig großen Maßstab gefertigt. Mustatile bieten damit einen faszinierenden Einblick in die Art und Weise, wie die Menschen in schwierigen Umgebungen lebten. Die weitere Untersuchung dieser monumentalen Zeitzeugen kann erheblich dazu beitragen, das Leben dieser frühen menschlichen Gesellschaften besser zu verstehen.

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