Transeurasische Sprachen breiteten sich mit der Landwirtschaft aus

Eine neue Studie im Magazin Nature untersucht die Spuren der transeurasischen Sprachen.

10. November 2021

Durch die Kombination von Linguistik, Archäologie und Genetik stellte ein internationales Forschungsteam die „Landwirtschafts-Hypothese“ über die Verbreitung der transeurasischen Sprachen auf und konnte die Herkunft von Japanisch, Koreanisch, Tungusisch, Mongolisch und Türkisch auf neolithische Hirsebauern aus der Region des Liao He-Flusses zurückverfolgen.

Die Herkunft und frühe Verbreitung der transeurasischen Sprachen, darunter Japanisch, Koreanisch, Tungusisch, Mongolisch und Türkisch zählt zu den am meisten diskutierten Fragestellungen der asiatischen Vorgeschichte. Obwohl viele der Gemeinsamkeiten durch Entlehnungen entstanden sind, konnten jüngere Studien bereits zeigen, dass sich die transeurasischen Sprachen auch als genealogische Gruppe klassifizieren lassen. Oder in anderen Worten: als eine Gruppe von Sprachen, die aus einem gemeinsamen Vorgänger entstanden sind. Geht man von so einer gemeinsamen Abstammung aus, stellt sich die Frage, wann und wo diese Sprache zum ersten Mal gesprochen wurde, wie lebten die Nachfolgerkulturen und wie interagierten sie untereinander und schließlich auf welchen Routen sich die Sprache verbreitete.

Eine im Magazin Nature veröffentlichte Studie liefert nun interdisziplinäre Belege, welche die „Landwirtschafts-Hypothese“ über die Verbreitung von Sprachen unterstützt. Das internationale Forschungsteam hinter der Studie, verfolgte die transeurasischen Sprachen bis zu den ersten Bauern, die bereits im frühen Neolithikum durch Nordostasien wanderten. Mithilfe neu sequenzierter Genome, einer umfangreichen archäologischen Datenbank und einem neuen Datensatz von Vokabelkonzepten aus 98 Sprachen, gelang es ihnen, Zeitraum, Ort und die Verbreitungsrouten der historischen transeurasischen Sprachgemeinden zu bestimmen.

Korrespondierender Autor Ning Chao bei der Probensammlung in der Region des Liao He-Flusses

Die Belege aus linguistischen, archäologischen und genetischen Quellen deuten darauf hin, dass die Ursprünge der transeurasischen Sprachen auf die Anfänge des Hirseanbaus und den frühen Amur-Genpool in der Region des westlichen Liao He-Flusses zurückgehen. Während des späten Neolithikums verbreiteten sich Hirsebauern mit Amur-verwandten Genen in ganz Nordostasien. In den folgenden Jahrtausenden vermischten sich die Sprecher der Tochterzweige des Proto-Transeurasischen mit Populationen entlang des Gelben Flusses, des westlichen Eurasiens und den Jōmonen. Die transeurasischen Populationen erhielten damit auch das Wissen über den Anbau von Reis, westeurasischen Feldfrüchten und einer pastoralistischen Lebensweise.

„Eine einzelne Disziplin, kann allein nicht die großen Fragen der Sprachverbreitung beantworten. Doch zusammen mit zwei weiteren Disziplinen, erhöht sich die Plausibilität und Stichhaltigkeit eines solchen Szenarios“, so Martine Robbeets, Hauptautorin der Studie und Leiterin der Archaeolinguistic Research Group am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. „Indem wir die Erkenntnisse der drei Disziplinen zusammenführten, erhielten wir ein ausgewogeneres und umfassenderes Bild über die transeurasische Migration, als es jede der drei Disziplinen für sich genommen hätte bieten können.“

Die linguistischen Belege, die für die Analyse verwendet wurden, stammten aus einem neuen Datensatz mit mehr als 3.000 verwandten Sets, die knapp über 250 Konzepte in ca. 100 transeurasischen Sprachen repräsentieren. Mit diesen gelang es den Forschenden, einen phylogenetischen Baum zu erstellen, der bis zu den Wurzeln der Sprache reicht. Ein kleiner Kern von ererbten Wörtern, die sich auf den Ackerbau, Hirse und den Hirseanbau beziehen, sowie andere Anzeichen für eine sesshafte Lebensweise unterstützen die „Landwirtschafts-Hypothese“ weiter.

Die archäologischen Ergebnisse sprechen auch für die Bedeutung des Liao He-Beckens, wo Rispenhirse bereits vor ca. 9.000 Jahren angebaut wurde. Bayesische Analysen einer archäologischen Datenbank von 255 neolithischen und bronzezeitlichen Stätten, darunter 269 direkt kohlenstoffdatierte Getreidearten, die ein Cluster von verwandten neolithischen Kulturen im Liao He-Becken, aus denen zwei Zweige von Hirse anbauenden Kulturen entstanden: ein koreanischer Jeulmun-Zweig sowie ein Zweig verschiedener Kulturen in Amur, der Region Primorye und Liadong.

Die Untersuchungen konnten ebenfalls Stätten in der Liao He-Region mit Mumun-Stätten in Korea sowie Yayoi-Stätten in Japan in Verbindung bringen, welche zeigten, dass Reis und Weizen als landwirtschaftliche Produkte in Liadong und Shangdong genutzt wurden und sich von dort aus in der Bronzezeit weiter über die koreanische Halbinsel nach Japan vor knapp 3.000 Jahren verbreiteten.

Laufende Ausgrabungen an der Nagabaka-Stätte auf der Insel Miyako, Japan   

Die neue Studie berichtet zusätzlich über die erste Sammlung historischer Genome aus Korea, den Ryūkyū-Inseln und frühen Getreidebauern aus Japan. Indem das Team ihre Ergebnisse mit bereits veröffentlichten Ergebnissen kombinierte, konnte es eine gemeinsame genetische Komponente unter allen Sprechern von transeurasischen Sprachen mit dem Namen „Amur-ähnliche Herkunft (Amur-like ancestry)“ identifizieren. Das Team konnte ebenfalls bestätigen, dass es zur Zeit der bronzezeitlichen Yayoi-Kultur zu besonders starker Migration kam – etwa zeitgleich mit der Einführung der Landwirtschaft.

Insgesamt zeigen die Ergebnisse der Studie, dass die transeurasischen Sprachen, auch wenn sie durch Jahrtausende umfassender kultureller Interaktion verdeckt wurden, einen gemeinsamen Ursprung haben und dass die frühe Ausbreitung der transeurasischen Sprecher von der Landwirtschaft angetrieben wurde.

„Zu akzeptieren, dass die Wurzeln der eigenen Sprache – und zu einem gewissen Maß der eigenen Kultur – nicht innerhalb der eigenen Staatsgrenzen liegen, fordert eine gewisse Umorientierung der eigenen Identität. Ein Schritt, der nicht für alle gleichermaßen leicht ist“, so Robbeets. „Doch die Erforschung und Wissenschaft der Menschheitsgeschichte zeigt, dass die Geschichte sämtlicher Sprachen, Kulturen und Völker, von ständiger Interaktion und Vermischung geprägt ist.“

Die aktuelle Studie zeigt, wie die Kombination von linguistischen, archäologischen und genetischen Methoden die Plausibilität und Stichhaltigkeit einer Hypothese erhöhen können. Doch die Autoren*innen der Studie erkannten schnell, dass noch weitere Forschung nötig sein wird: mehr historische DNA, verstärkte etymologische Forschung und weitere archäobotanische Untersuchungen können unser Verständnis über die menschlichen Migrationen im neolithischen Nordostasien weiter vertiefen und Antworten auf die Fragen über die folgenden Bevölkerungsbewegungen geben.

„Weit mehr, als nur ein einziger neolithischer Strom von Migration trug zur Entstehung der transeurasischen Sprachfamilie bei“, fügt Mark Hudson, Archäologe in der Archäolinguistischen Forschungsgruppe, hinzu. „Und es gibt noch viel zu lernen.“

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