Stellungnahme des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte zum aktuellen Klimanotstand

Stellungnahme des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte zum aktuellen Klimanotstand

3. November 2021
Besonders in arktischen und subarktischen Regionen kommt es immer häufiger zu Waldbränden.

Der menschengemachte Klimawandel ist real. Seit 1880 stieg die globale Durchschnittstemperatur um 1.09 °C- ein Trend, der sich seit den letzten Jahrzehnten immer mehr beschleunigt. Ebenso steigt weltweilt die Anzahl an Naturkatastrophen, die mit der Erderwärmung in Verbindung gebracht werden können – darunter Überflutungen, Hitzewellen, Waldbrände und besonders ausgeprägte Hurrikan-und Zyklonsaisons. Gleichzeitig bedrohen die Auswirkungen des Klimawandels besonders verletzliche Regionen wie die Antarktis oder den grönländischen Eisschild und wirken sich disproportional stark auf Ökosysteme mit einer hohen Biodiversität wie Korallenriffe, Küstenregionen und den Amazonasregenwald aus.

Unsere Forschung am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte zeigt, dass das Klima der Erde immer wieder starken Änderungen unterworfen war. Die meisten dieser Klimaveränderungen können jedoch auf natürliche Schwankungen in der Menge an Sonnenenergie zurückgeführt werden, die die Erde erreichte. Im Gegensatz dazu sind die aktuellen Klimaveränderungen eindeutig auf die menschlichen Emissionen von Treibhausgasen in die Atmosphäre zurückzuführen. So stiegen Kohlenstoffdioxidemissionen aus fossilen Brennstoffen in den letzten 50 Jahren um mehr als das 200-fache gegenüber Emissionen aus natürlichen Quellen während der letzten Eiszeit an. Sollte es uns nicht gelingen, die weltweiten Treibhausgasemissionen schnell und in großem Umfang zu reduzieren, wird ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur noch innerhalb der nächsten Jahrzehnte erreicht, wodurch Hitzewellen und Extremwetterereignisse noch heftiger ausfallen werden. Bei einer globalen Erwärmung von 2°C werden Hitzeextreme häufiger kritische Toleranzschwellen für Landwirtschaft und Gesundheit erreichen und einige Städte und Regionen unbewohnbar machen. Der Mensch ist ebenfalls für die erhöhte globale Aussterberate und den weltweiten Verlust biologischer Vielfalt durch die Zerstörung von Lebensräumen, die Abholzung von Wäldern und die Versauerung der Meere verantwortlich. Diese Auswirkungen reduzieren die besondere Fähigkeit von natürlichen Systemen, Extremereignisse abfedern zu können drastisch.

Die letzten besonders regenarmen Jahre in Tansania bedrohen die pastoralistischen Lebensweisen der Maasai-Gemeinden wie hier in der Oldupai-Schlucht.

Unsere Forschung konnte jedoch auch zeigen, dass unsere Vorfahren oft in der Lage waren, durch Innovationen und Anpassungen Klima-und Umweltkrisen zu überstehen. Diese Adaptionen wurden erst durch die Erfindung neuer Technologien, der Nutzung von Grundwasserressourcen und der Entwicklung innovativer Bewässerungssysteme möglich. Anpassungen fanden außerdem in Form von Migration oder Änderungen der Lebensweise statt. Die archäologische Forschung konnte auch zeigen, dass man aus den Traditionen der Ureinwohner viel über die nachhaltige Nutzung von Land und Ressourcen lernen kann. Doch viele der Möglichkeiten, die uns in der Vergangenheit zur Verfügung standen, stehen uns heute nicht mehr unbedingt zur Verfügung. Der Großteil der weltweiten Kohlenstoffemissionen ist das Produkt einiger weniger mächtiger Staaten und privater Unternehmen. Einige der bereits in Gang gesetzten Veränderungen - wie der anhaltende Anstieg des Meeresspiegels – werden für die nächsten hunderten bis tausend Jahren unumkehrbar sein.

Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung und für Optimismus. Der menschliche Fortschritt, eine zunehmende Sensibilisierung, der Ausbau erneuerbarer Energien sowie nachhaltiger Technologien und ein gemeinsames Handeln entgegen sozialer und ökonomischer Ungleichheiten, die zur globalen Erderwärmung beitragen, haben allesamt ein immenses Potenzial, die derzeitigen negativen Trends in Bezug auf das Klima und die biologische Vielfalt umzukehren. Bei der Suche nach neuen Lösungen und Innovationen für unsere Zukunft, sollte der Blick in die Vergangenheit nicht fehlen. Die Menschheitsgeschichte kennt etliche Beispiele, bei denen der Mensch gemeinsam handelte, um Schwierigkeiten zu überwinden. Die archäologische Forschung liefert beispielweise Erkenntnisse über frühe Formen der nachhaltigen Landwirtschaft, der Fruchtbarmachung von Böden, der Stadtplanung sowie der Brand- und Waldbewirtschaftung, die heute von großer Bedeutung sind. Die Arbeit des Instituts fließt deshalb ebenfalls in Erhaltungs- und Wiederherstellungsstrategien, in die Forschung und Planung von Ernährungssicherheit und in die von den Gemeinden betriebene Landnutzung ein. Diese Art von Forschung bringt eine historische Perspektive in die heutigen Herausforderungen ein und hilft uns dadurch zu verstehen, wie die menschliche Spezies an diesen Punkt gelangt ist und wohin wir von hier aus gehen können.

Das Ausmaß des menschlichen Handelns, das zur Bewältigung der Klimakrise erforderlich ist, ist nicht mehr nur lokal oder regional, sondern global. Industrieunternehmen und entwickelte Volkswirtschaften tragen eine besondere Verantwortung für die Eindämmung der Treibhausgasemissionen und für die gemeinsame Nutzung von Ressourcen und Technologien für nachhaltige Klimalösungen. Indem wir kollektiv unser Verhalten ändern, können wir erheblich dazu beitragen, Treibhausgasemissionen zu verringern.

Auch unsere Institute müssen sich verstärkt bewusst machen, wie unsere Forschung zum globalen CO2-Fußabdruck beiträgt. Hier, am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, eröffneten wir deshalb eine Nachhaltigkeitskommission, die kontinuierlich Ideen entwickelt, wie wir unsere täglichen Abläufe und unsere Forschung nachhaltiger gestalten können. Einige unserer Initiativen wurden dabei bereits erfolgreich umgesetzt. Dazu zählen u.a. die Verwendung von recyceltem Papier, die Abschaffung unserer Dienstwagen im Gegenzug für neue E-Bikes und das Angebot von veganen Speisen für unsere Gäste. Wir setzen uns außerdem dafür ein, nachhaltige Prozesse lokal und international, insbesondere jedoch in Afrika und Südostasien, wo unsere Forschung besonders präsent ist, zu unterstützen. Ebenfalls organisierte unser Institut 2021 die Earth Week und die Vegan Days, um uns selbst weiter fortzubilden, eine Sensibilität für Nachhaltigkeit zu entwickeln und zu fördern.

Unser Institut steht hinter der jüngsten Erklärung zum Klimanotstand und unterstützt die Forderung nach einem transformativen Wandel, um den aktuellen Klimanotstand zu bewältigen. Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, um das Leben auf der Erde zu schützen und die lebenswichtigen Funktionen unserer Ökosysteme zu erhalten. Wir müssen uns als globale Gemeinschaft die Dringlichkeit der Krise bewusst machen und uns für Kooperation und Gerechtigkeit zusammenschließen. Das Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte ist stolz darauf, mit unseren globalen Partnern und der lokalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, um die Veränderungen zu erreichen, die jetzt notwendig sind, um eine stabile und sichere Zukunft für alle zu gewährleisten.

 

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