Späte Persistenz menschlicher Vorfahren an den Ausläufern des Monsuns

Neue Datierungen der Stätte Singi Talav in der Thar-Wüste ergaben, dass steinerne Handbeile über 1 Millionen Jahre in Indien genutzt wurden und erst durch die Ankunft von Homo sapiens wieder verdrängt wurden
 

5. Oktober 2021

Bereits vor 1,5 Millionen Jahren tauchte die Acheuléen-Kultur in Afrika auf – 300.000 Jahre später schließlich auch in Indien. Kaum eine Kultur, die Werkzeuge herstellte, währte länger als das Acheuléen, das insbesondere für seine Handbeile und Hackmesser bekannt ist. Neue Untersuchungen des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte einer Schlüsselstätte der Acheuleén-Kultur in der Thar-Wüste (Indien) zeigen, dass Populationen des Acheuléen noch bis kurz vor dem Eintreffen von Homo sapiens in Asien vor 177.000 Jahren hier lebten.
 

Zeitpunkt und Route der menschlichen Expansion nach Asien sind seit langem Gegenstand von Diskussionen. Doch immer mehr Hinweise sprechen mittlerweile dafür, dass Homo sapiens mit etlichen Populationen von unseren engen evolutionären Verwandten interagierte. Um zu verstehen, welchen kulturellen Bedingungen unsere Vorfahren bei ihrer Expansion aus Afrika begegneten, galt es zunächst den Ort zu identifizieren, an dem sich die unterschiedlichen Populationen trafen. Da Fossilien und Überreste prähistorischer Menschen in Südasien besonders selten sind, können Veränderungen ihrer Steinwerkzeuge Hinweise darauf geben, wann und wo diese Begegnungen stattfanden.

Lage von Singi Talav in Relation zu den jüngsten Stätten des Acheuléen weltweit

Die jüngsten Acheuléen-Populationen in Westindien

In einer in Scientific Reports veröffentlichten Studie, berichtet ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte, über eine relativ junge Besiedlung der Stätte Singi Talav durch Bevölkerungen der Acheuléen-Kultur vor bis zu 177.000 Jahren (Abbildung 2). Lange galt die Stätte als einer der ältesten Stätten der Acheuléen-Kultur, doch zählt nun wahrscheinlich zu den jüngsten. Die Daten zeigen, dass die Acheuléen-Populationen in der Thar-Wüste weiterhin überlebten, nachdem sie in Ostafrika vor etwa 214.000 Jahren und in Arabien vor 190.000 Jahren verschwunden waren. Dieses Ergebnis unterstützt die Hypothese einer späten Existenz von Acheuléen-Populationen in Indien, wo frühere Forschungen deren Existenz bereits vor 130.000 Jahren nachweisen konnten.

Die ersten Ausgrabungen bei der Stätte von Singi Talav brachten 1980 mehrere Ansammlungen von Steinwerkzeugen zu Tage (Abbildung 3). Die größte von ihnen bestand vornehmlich aus Steinäxten und Hackmessern, die für das Acheuléen typisch sind. Die für eine genaue Bestimmung des Alters der Ansammlung notwendige Technik, existierte jedoch noch nicht. Seitdem wurden zwar viele weitere Fundorte untersucht, um mehr über die Chronologie des Acheuléen zu erfahren. Über die ökologischen Gegebenheiten der Stätten bleibt jedoch bislang wenig bekannt.

Handbeil aus der Thar-Wüste, wo Acheuléen-Populationen noch bis vor wenigstens 177.000 Jahren lebten

„Die Lage an einem See, bietet ideale Voraussetzungen zur Erhaltung einer archäologischen Stätte, so dass wir 30 Jahre nach der ersten Ausgrabung zurückkehren und die wichtigsten Besiedlungshorizonte erneut untersuchen konnten“, so Dr. James Blinkhorn vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Hauptautor der Studie. „Wir nutzten dabei eine Vielzahl von Methoden, um diese wichtige Stätte erneut zu untersuchen, darunter auch neuere Ansätze, um die Besiedlungszeiträume direkt zu datieren und die Vegetation der Landschaften, die von den Acheuléen-Populationen bewohnt wurden, zu enthüllen.“

Die Forschenden setzten Lumineszenzmethoden ein, um die Sedimenthorizonte, in denen die Menschen früher lebten, direkt zu datieren. Diese Methoden beruhen auf der Fähigkeit von Mineralien wie Quarz und Feldspat, durch natürliche Radioaktivität erzeugte Energie zu speichern und freizusetzen, so dass die Forschenden feststellen konnten, wann die Sedimente das letzte Mal dem Licht ausgesetzt waren. 

„Unsere Studie ist die erste, die die Besiedlungshorizonte in Singi Talav direkt datiert. So können wir nachverfolgen, wann die Menschen hier lebten und die Steinwerkzeuge herstellten. Zusätzlich ermöglicht es uns, einen Vergleich der Besiedlung zu anderen Fundorten zu ziehen“, fügt Dr. Julie Durcan von der Universität Oxford hinzu“.

Am Rand des Monsuns

Die Thar-Wüste liegt am westlichen Rand des modernen indischen Sommermonsunsystems. Ihre Bewohnbarkeit für prähistorische Bevölkerungen schwankte jedoch wahrscheinlich über die Zeit signifikant. Die Forschenden untersuchten Mikrofossilien von Pflanzen, auch als Phytolithen bekannt, sowie Merkmale der Bodengeochemie, die Aufschluss über die Ökologie des Standorts zur Zeit der Herstellung der Werkzeuge geben können.

„Zum ersten Mal wurde die Ökologie einer Stätte des Acheuléen mithilfe dieser Methoden untersucht, was den weiten Charakter der Landschaften, die die Bevölkerungen besiedelten, aufzeigen konnte“, so Prof. Hema Achyuthan von der Anna University, Chennai, die ebenfalls an den Ausgrabungen beteiligt war. „Die Ergebnisse der beiden Methoden unterstützen sich gegenseitig und enthüllen eine Landschaft, die besonders reich an Gräsern ist, die während der Sommermonsune blühen.“

Prof. Hema Achyuthan bei der Untersuchung von Sedimentsequenzen von Singi Talav

Mit diesen Daten beleuchtet die Studie die Umweltbedingungen, die es den Acheuléen-Populationen ermöglichten, in der Thar-Wüste bis vor mindestens 177.000 Jahren zu überleben und zu gedeihen.

„Das unterstützt Hinweise aus der gesamten Region, die darauf hindeuten, dass Indien Heimat der jüngsten Bevölkerungen war, die Werkzeuge des Acheuléen weltweit nutzten“, fügt Blinkhorn hinzu. „Entscheidend ist, dass das späte Fortbestehen dieser Populationen in Singi Talav und anderswo in Indien direkt vor dem Auftreten unserer eigenen Spezies, des Homo sapiens, liegt.“

Die Thar-Wüste stellte wahrscheinlich eine wichtige ökologische Grenze für den ostwärts expandierenden Homo sapiens dar, der hier zum ersten Mal auf die klimatischen Verhaeltnisse des indischen Monsunsystems traf. Die Ergebnisse lassen jedoch auch vermuten, dass es sich hier ebenfalls um eine demographische und kulturelle Grenze handelte – ein Gebiet, in der Homo sapiens auf andere, eng verwandte, menschliche Populationen traf.

Zur Redakteursansicht