Neu entdeckte “Klima-Wippe” als Antreiber der menschlichen Evolution

31. Mai 2021

Klimaforscherin Dr. Stefanie Kaboth-Bahr von der Universität Potsdam und ein internationales Forscherteam haben herausgefunden, dass frühe El Niño-artige Klimamuster der primäre Antrieb für Umweltveränderungen im Afrika südlich der Sahara über die letzten 620 tausend Jahren waren – eine kritische Periode für die Evolution unserer Spezies. Das Team entdeckte, dass diese Klimaschwankungen einen stärkeren Einfluss auf Subsahara-Afrika hatten als Glazial-Interglazial Zyklen, die bisher vorrangig mit der menschlichen Evolution in Verbindung gebracht wurden.

Während der Klimawandel als ein entscheidender Antreiber der Evolution unserer Spezies in Afrika weitgehend etabliert ist, wird der exakte Charakter dieses Klimawandels und seines Einflusses auf die menschliche Entwicklung noch immer kontrovers diskutiert. Da der Wechsel zwischen eiszeitlichen und zwischeneiszeitlichen Perioden weite Teile der Erde geprägt hat, wurden er entsprechend als entscheidender Faktor für Umweltveränderungen in Afrika während der letzten ~1 Million Jahre angesehen, der kritischen Periode menschlicher Evolution. Veränderungen in den Ökosystem, angetrieben durch diese Eiszeit-Zyklen, so die vorherrschende Meinung, hatten die Evolution und Ausbreitung der frühen Menschen stimuliert.

Eine Publikation, die in Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) erschienen ist, stellt nun eine andere Sichtweise dar. Dr. Kaboth-Bahr und eine internationale, multidisziplinären Gruppe von Wissenschaftlern haben frühe, El Niño-artige Wettermuster als den maßgeblichen Steuerungsfaktor großer Klimaumschwünge in Afrika identifiziert. Dies ermöglichte dem Forscherteam den vorhanden klimatischen Rahmen der menschliche Evolution neu zu bewerten.

Dem Regen folgend

Die Forscher argumentieren, dass Klimaprozesse in den niedrigen Breitengraden die Ausbreitung und Evolution von Vegetation und Säugetieren in Ost- und Westafrika beeinflussten, indem sie ressourcenreiche und stabile ökotonale Einstellungen erhöhten, von denen man annimmt, dass sie auch für den frühen modernen Menschen wichtig waren

In einem neuen Forschungsansatz integrierten Dr. Kaboth-Bahr und ihr Team 11 Klimaarchive aus ganz Afrika, die die letzten 640.000 Jahre abdecken, um ein umfassendes räumliches Bild zu erstellen, wann und wo auf dem Kontinent feuchte oder trockene Bedingungen herrschten. „Wir waren überrascht, eine deutliche klimatische Ost-West-Schwankung zu finden, die dem Muster sehr ähnlich ist, das durch die Klimaphänomene El Niño und La Niña erzeugt wird, die heute die Niederschlagsverteilung in Afrika stark beeinflussen“ erklärt Dr. Kaboth-Bahr. Die Autoren schlussfolgern, dass der Hauptantrieb dieser Schwankung der tropische Pazifik war, und zwar durch seinen Einfluss auf die so genannte „Walker-Circulation“, einen Gürtel sich bewegender Luftmassen entlang des Äquators, der zu einem großen Teil die Verteilung von Niederschlag und Trockenheit in den Tropen bestimmt.

Die Daten zeigen deutlich, dass sich die Feucht- und Trockengebiete zwischen dem Osten und Westen des afrikanischen Kontinents auf Zeitskalen von etwa 100.000 Jahren verschoben haben, wobei jede klimatische Verschiebung von großen Umwälzungen in der Flora und Säugetierfauna begleitet wurde.

Der Ngorongoro am Rande der Serengeti in Tansania ist Heimat einer vielfältigen Tierwelt. Klimawandel führt hier allerdings zu dramatischer Wasserknappheit, Vegetationsveränderungen, Verlust der Biodiversität und wiederkehrenden Krankheiten, die das fragile Ökosystem gefährden

Laut Dr. Kaboth-Bahr und ihren Co-Autoren könnte der sich daraus ergebende ökologische Flickenteppich eine entscheidende Komponente der menschlichen Evolution und der frühen Demographie gewesen sein. Die vielfältigen, ressourcenreichen und stabilen Umweltbedingungen waren möglicherweise für die Entwicklung des frühen modernen Menschen ausschlaggebend. Obwohl Klimaveränderung sicherlich nicht der einzige Faktor war, der die frühe menschliche Evolution angetrieben hat, so weisen die Autoren darauf hin, dass die Studie dennoch eine neue Perspektive auf die enge Verbindung zwischen Umweltschwankungen und dem Ursprung unserer frühen Vorfahren eröffnet.

“Eine Neubewertung der Perioden von Stasis, Wandel und Aussterben vor dem Hintergrund des veränderten klimatischen Bezugssystems wird neue Einblicke in die tiefe menschliche Vergangenheit ermöglichen“, so Dr. Kaboth-Bahr. “Dies bedeutet zwar nicht, dass Menschen im Angesicht des Klimawandels hilflos waren. Ein sich verändernde Habitatverfügbarkeit würde allerdings sicherlich die Bevölkerungsstruktur und damit letztlich den Genaustausch, der intrinsisch mit der menschlichen Evolution verknüpft ist, verändern”.

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