Ältestes menschliches Begräbnis in Afrika

Die rund 78.000 Jahre alte Bestattung wurde in der kenianischen Höhle Panga ya Saidi entdeckt

5. Mai 2021

Eine neue Studie, die am 5. Mai in Nature erscheint, berichtet über die älteste bekannte Bestattung eines modernen Menschen in Afrika. Das etwa 2,5 bis 3 Jahre alte Kind wurde in gebückter Haltung in einem flachen Grab direkt unter dem schützenden Felsüberhang am Eingang der Höhle begraben. Die Bestattung in Panga ya Saidi reiht sich ein in die wachsende Zahl an Hinweisen auf frühe komplexe soziale Verhaltensweisen Homo sapiens.

Die Pangy ya Saidi-Höhle an der Küste Kenias. In der durch Bohlen abgesicherten Grube im Vordergrund wurde die 78 000 Jahre alte Bestattung eines Kindes entdeckt.

Obwohl auf dem Kontinent die frühesten Hinweise auf modernes menschliches Verhalten gefunden wurde, sind Belege für frühe Bestattungen in Afrika sehr selten und oft nicht eindeutig. Daher ist nur wenig über den Ursprung und die Entwicklung der Bestattungspraktiken auf dem Kontinent bekannt, auf dem unsere Spezies entstand. Durch ein Kind, das vor 78.000 Jahren am Eingang der Panga ya Saidi-Höhle begraben wurde, ändert sich das nun und wir erfahren mehr darüber, wie die Menschen der afrikanischen Mittleren Steinzeit (Middle Stone Age) mit ihren Toten umgingen.

Seit 2010 die Ausgrabungen im Rahmen einer langfristigen Partnerschaft zwischen Archäologen und Archäologinnen des Jenaer des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte und der Nationalmuseen von Kenia (Nairobi) begannen, ist die Höhle Panga ya Saidi nahe der kenianischen Küste ein wichtiger Ort für die Erforschung der menschlichen Ursprünge.

"Als wir Panga ya Saidi zum ersten Mal besuchten, wussten wir sofort, dass diese Stätte etwas ganz Besonderes ist", sagt Professor Nicole Boivin, Leiterin des Projekts und Direktorin der Abteilung für Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. "Die Stätte ist wirklich einzigartig. Wiederholte Ausgrabungen in Panga ya Saidi haben mittlerweile dazu beigetragen, sie als Schlüsselstätte für die ostafrikanische Küste zu etablieren, mit einer außergewöhnlichen, einen Zeitraum von 78.000 Jahren umfassenden archäologischen Aufzeichnung von frühen menschlichen kulturellen, technologischen und symbolischen Aktivitäten.“

Außenansicht des Panga ya Saidi Hauptblocks mit dem artikulierten Teilskelett (oben) und Außenansicht der linken Seite von Mtotos Schädel und Unterkiefer (unten)

Teile der Knochen des Kindes wurden erstmals 2013 bei Ausgrabungen in Panga ya Saidi entdeckt, aber erst 2017 wurde die kleine Grube mit den Knochen vollständig freigelegt. Etwa drei Meter unterhalb des heutigen Bodens der Höhle, enthielt die flache, kreisförmige Grube eng zusammengedrängte, stark zersetzte Knochen, die vor Ort stabilisiert und mit Gips ummantelt werden mussten.

"Zu diesem Zeitpunkt waren wir nicht sicher, was wir gefunden hatten. Und die Knochen waren einfach zu empfindlich, um sie vor Ort zu untersuchen", erklärt Dr. Emmanuel Ndiema von den Nationalmuseen von Kenia. "Wir hatten also einen Fund, den wir ziemlich aufregend fanden – aber es dauerte noch eine Weile bis wir seine volle Bedeutung entschlüsseln konnten“.

Ausgrabung im Labor zeigt: Knochen stammen von einem Kind

Nach dem Sichern der Knochenreste gegen weitere Beschädigungen wurden der Sedimentblock mit den Überresten zunächst in die Nationalmuseen Nairobis und später zur weiteren Ausgrabung, Spezialbehandlung und Analyse in die Labore des Nationalen Forschungszentrums für menschliche Evolution (CENIEH) in Burgos, Spanien, gebracht.

Zwei Zähne, die zu Beginn der Ausgrabung im Labor freigelegt wurden, ließen die Wissenschaftler/-innen vermuten, dass es sich um menschliche Überreste handeln könnte. Spätere Arbeiten am CENIEH bestätigten, dass die Zähne zu einem 2,5 bis 3 Jahre alten menschlichen Kind gehörten, das später den Spitznamen "Mtoto" erhielt, was in Suaheli "Kind" bedeutet.

In monatelanger, akribischer Arbeit in den Labors des CENIEH wurden spektakuläre neue Entdeckungen gemacht. "Wir begannen, Teile des Schädels und des Gesichts freizulegen, einschließlich des Unterkiefers mit einigen nicht durchgebrochenen Zähnen und der Verbindung zum Oberkiefer“, erzählt Professor María Martinón-Torres, Direktorin am CENIEH. "Auch die Verbindung zwischen Wirbelsäule und einigen Rippen, ja sogar die Krümmung des Brustkorbs war auf wundersame Weise erhalten. Das alles deutet darauf hin, dass der Körper unversehrt bestattet wurde und die Verwesung direkt in der Grube stattfand, in der die Knochen gefunden wurden."

Virtuelle Rekonstruktion der Homininreste von Panga ya Saidi am Fundort (links) und ideale Rekonstruktion der ursprünglichen Position des Kindes zum Zeitpunkt des Fundes (rechts)

Die mikroskopische Analyse der Knochen und des sie umgebenden Erdreichs bestätigte, dass der Körper unmittelbar nach der Bestattung mit Erde bedeckt wurde und er in der Grube verweste. Mit anderen Worten: Mtoto wurde kurz nach dem Tod und absichtsvoll begraben.

Da Mtotos Körper auf der rechten Seite liegend und mit zur Brust gezogenen Knien gefunden wurde, geht das Forschungsteam darüber hinaus davon aus, dass das Begräbnis bewusst vorbereitet und der Körper hierfür eng umhüllt wurde. Martinón-Torres ergänzt: „Noch bemerkenswerter ist, dass die Position des Kopfes in der Grube darauf hindeuten, dass eine vergängliche Stütze vorhanden gewesen sein könnte, wie z.B. ein Kissen. Das lässt vermuten, dass die Gemeinschaft irgendeine Form von Bestattungsritus durchgeführt haben könnte."

Bestattungen bei modernen Menschen und Neandertalern

Die Lumineszenz-Datierung datiert das Alter der Bestattung von Mtoto sicher auf 78.000 Jahre. Damit ist sie die älteste bekannte menschlichen Bestattung in Afrika. Spätere Bestattungen aus der Steinzeit Afrikas enthalten ebenfalls junge Individuen - vielleicht ein Hinweis auf eine besondere Behandlung der Körper von Kindern zu dieser Zeit.

Die menschlichen Überreste wurden in archäologischen Schichten gefunden, die auch Steinwerkzeuge enthielten, welche der afrikanischen Mittleren Steinzeit zugeordnet werden, einer sehr markanten Technologie, von der behauptet wurde, dass sie von mehr als einer Hominin-Spezies angewandt wurde.

"Die Verbindung zwischen der Bestattung dieses Kindes und den Werkzeugen des Middle Stone Age hat entscheidend dazu beigetragen, zu belegen, dass Homo sapiens, im Gegensatz zu anderen Arten von Homininen, zweifelsohne diese markante Technologie nutzte", erklärt Ndiema.

Obwohl die Entdeckung von Panga ya Saidi den frühesten Beweis für eine absichtsvolle Bestattung in Afrika darstellt, reichen Bestattungen von Neandertalern und modernen Menschen in Eurasien bis zu 120.000 Jahre zurück und umfassen Erwachsene und einen hohen Anteil an Kindern und Jugendlichen.  Die Gründe für das vergleichsweise Fehlen von frühen Bestattungen in Afrika bleiben rätselhaft, möglicherweise beruhen sie auf Unterschieden in den Bestattungspraktiken oder dem Mangel an Feldforschung in großen Teilen des afrikanischen Kontinents.

"Die Bestattung von Panga ya Saidi zeigt, dass die Beerdigung der Toten eine kulturelle Praxis ist, die Homo sapiens und Neandertaler gemeinsam haben", sagt Professor Michael Petraglia vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. "Dieser Fund wirft Fragen nach dem Ursprung und der Entwicklung von Bestattungspraktiken zwischen zwei eng verwandten menschlichen Arten auf und danach, inwieweit sich unsere Verhaltensweisen und Emotionen voneinander unterscheiden."

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