Wiederholte Besiedelungen der afrikanischen Westküste während der Mittleren Steinzeit

Im Vergleich zu anderen afrikanischen Regionen konnten Ausgrabungen bei Tiémassas in Senegal knapp 40.000 Jahre Verhaltenskontinuität in dieser Region nachweisen.

20. November 2020

In einer im Journal of Archaeological Science Reports veröffentlichten Studie legen Forschende der Université Cheikh Anta Diop de Dakar in Senegal, des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte (MPI-SHH) und der Universität Sheffield Belege für Besiedelungen während der Mittleren Steinzeit an der afrikanischen Westküste dar. Mit einem Alter von 62.000 bis 25.000 Jahren dokumentieren die präzise datierten Fundsammlungen der Region knapp 40.000 Jahre technologische Kontinuität in Westafrika.

Hauptautorin Khady Niang erforscht die Schnittstelle von Wald, Savanne und Mangrovenlebensräumen in der Nähe von Tiémassas

Trotz der weit verbreiteten Meinung, dass Küstengebiete als mögliche Korridore für Migrationsbewegungen dienten, ist über die Besiedlungen der tropischen Küsten Afrikas während der Steinzeit nur wenig bekannt – insbesondere im Vergleich zu den Küstengebieten in Nord – und Südafrika. Jüngere Studien in Ostafrika haben begonnen diese Lücke zu schließen, indem sie die dynamischen Verhaltensänderungen nahe der Küste Kenias während des letzten Glazials beschrieben, doch Studien über steinzeitliche Besiedlungen entlang der Küsten Westafrikas fehlen bislang.


In den letzten Jahren hat die anthropologische Forschung damit begonnen, die Beziehung zwischen demographischer Diversität und Mustern von Verhaltensänderungen zu untersuchen. Mehrere genetische und paläoanthropologische Studien betonten zusätzlich die bemerkenswerte demographische Diversität, welche sich in der jüngeren Vergangenheit in Westafrika abzeichnete. Doch auch hier werden noch archäologische Untersuchungen steinzeitlicher Stätten benötigt, um zu verstehen, wie diese Diversität mit den Verhaltensmustern, die die archäologischen Funde zeigen, zusammenhängen.


„Es gibt etliche oberirdische Stätten in Westafrika, welche besonders reich an archäologischen Funden sind“, so Jimbob Blinkhorn vom MPI-SHH. „Doch um die Muster von Verhaltensänderungen charakterisieren zu können, benötigen wir Ansammlungen von Steinwerkzeugen, die wir eindeutig ihren jeweiligen Perioden zuordnen können.“

Die Ausgrabungsstätte in Tiémassas, die Beweise für mittelalterliche Besetzungen vor 62-25 Tausend Jahren bewahrt

Tiémassas ist eine steinzeitliche Ausgrabungsstätte mit langreichender Forschungsgeschichte, darunter oberirdische Untersuchungen und frühe Ausgrabungen in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Doch das Fehlen von systematischen Studien bedeutete, dass die Stätte in Kontroversen verstrickt war.

„In der Vergangenheit wurde Tiémassas als Stätte der Mittleren Steinzeit, der Späten Steinzeit oder als neolithische Stätte beschrieben. Eine Lösung zwischen diesen Varianten zu finden hat entscheidende Auswirkungen auf unser Verständnis über das Verhalten an diesem Standort“, so Hauptautor Khady Niang von der Université Cheikh Anta Diop de Dakar. „Wir begutachteten bereits aus der Stätte gesammelte Materialien und führten weitere Ausgrabungen sowie Untersuchungen von Steinwerkzeugen durch. Kombiniert mit Datierungsstudien ergab sich für Tiémassas ein Paradebeispiel der Mittleren Steinzeit in Westafrika.“

Vorherige Studien des Teams ordneten die Besiedlung von Tiémassas zeitlich vor etwa 45.000 Jahren ein. Die jüngsten Untersuchungen korrigieren diesen Zeitraum auf vor etwa 62.000 bis 25.000 Jahren. Entscheidend für diese Datierung waren bestimmte Werkzeugtypen unter den Werkzeugsammlungen, welche die jeweiligen Werkzeuge anhand ihrer Herstellung einer entsprechenden Phase zuordnen konnten.

Ein Levallois-Kern, der bei Ausgrabungen in Tiémassas geborgen wurde und Teil einer Reihe von Steinwerkzeugtechnologien ist, die vor 62 bis 25 Tausend Jahren an diesem Standort eingesetzt wurden

„Die mittelsteinzeitlichen Bewohner von Tiémassas nutzten zwei unterschiedliche Technologien: zentripetale Levallois und scheibenförmige Reduktion“, so Niang. „Besonders bemerkenswert ist die Konsistenz der Steinwerkzeuge und dass diese ein Muster bilden, welches wir mit den Ergebnissen früherer Ausgrabungen kombinieren können.

Zusammengefasst erzählt uns dieser Ort eine eindeutige Geschichte von überraschender technologischer Kontinuität für einen Zeitraum von knapp 40.000 Jahren.“
Die Ergebnisse der Studie helfen, die bisherigen Erkenntnisse über mittelsteinzeitliche Besiedlungen in Westafrika weiter auszubauen. Durch ihre Nähe zur Küste und an der Schnittstelle von Savanne, Wäldern und Mangroven unterscheidet Tiémassas sich jedoch von anderen Stätten aus der Mittleren Steinzeit in der Region.

„Unsere Arbeit in Tiémassas gibt uns einen Vergleich zu früheren Forschungsarbeiten über Küstenbesiedelungen in Ostafrika. Diese spannen sich grob über denselben Zeitraum, weisen ähnliche ökologische Charakteristika auf und befinden sich vornehmend entlang tropischer Küsten“, so Blinkhorn. „Doch die Verhaltenskontinuität, die wir in Tiémassas beobachten konnten, unterscheidet sich stark von den technologischen Veränderungen in Ostafrika. Dies reflektiert sich in ähnlichen Mustern, welche anhand von genetischen und paläoanthropologischen Untersuchungen von heutigen Populationen in Westafrika beobachtet werden können.“

Als Leiter der Feldforschung des aWARE-Projekts der ‚Lise Meitner‘ Pan-African-Evolution-Forschungsgruppe, sucht Blinkhorn mithilfe von Untersuchungen in Senegal, der Elfenbeinküste, Benin und Nigeria nach Verknüpfungen zwischen historischen Umweltbedingungen und menschlicher Evolution.

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