Bevölkerungsdynamik und die Entstehung der zentralasiatischen Reiche

Die Analyse von Genomen aus der eurasischen Steppe aus sechs Jahrtausenden gibt Einblicke in die Entstehung der mongolischen Imperien

5. November 2020

In einer neuen Studie, die am 5. November in der Fachzeitschrift Cell erscheint, geht ein internationales Forschungsteam der Frage nach, welche genetischen, soziopolitischen und kulturellen Veränderungen die Entstehung der eurasischen Steppenreiche begleiteten. Das Team analysierte genomweite Daten von 214 osteurasischen Individuen aus sechs Jahrtausenden und diskutiert den Bevölkerungswandel und den Wandel der materiellen Kultur, die dem Aufstieg der Nomadenreiche der Xiongnu und Mongolen vorausgingen.

Von der späten Bronzezeit bis zum Mittelalter war die osteurasische Steppe die Heimat einer Reihe sehr einflussreicher Nomadenreiche. Das Reich der Xiongnu (209 v.u.Z. bis 98 u.Z.) und die mongolischen Reiche (1206-1368 u.Z.) hinterließen tiefe Spuren in der Demographie und Geopolitik Eurasiens. Aufgrund fehlender großangelegter, genetischer Untersuchungen, blieben Herkunft, Interaktionen und Beziehungen der Menschen, die diese Staaten formten, weitgehend unbekannt.

Geneigter Hirschstein vor Dutzenden von kleinen Steinhügeln, den Gräbern rituell geopferter Pferde an der bronzezeitlichen Monumentalstätte Ikh Tsagaanii Am, Provinz Bayankhongor, Zentralmongolei

Um die Bevölkerungsdynamiken zu verstehen, die den Steppenreichen zum Aufstieg verhalfen, sammelten und analysierten Forschende des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte (MPI-SHH), der Nationaluniversität der Mongolei und von Partnerinstitutionen in der Mongolei, Russland, Korea und den USA Genomdaten von 214 Individuen. Die Proben stammen aus 85 mongolischen und drei russischen archäologischen Fundorten, ihr Alter liegt zwischen etwa 8.400 Jahren und 1.400 Jahren. Damit zählt diese Studie zu den bislang größten Studien alter ost- und innerasiatischer DNA.

Während des Mittel-Holozäns wurde die eurasische Steppe von Jägern und Sammlern nordost-asiatischer (ANA) und nord-eurasischer (ANE) Abstammung besiedelt. Vor etwa 5000 Jahren gelangte durch die Ausbreitung der Afanasievo-Kultur aus dem Altai-Gebirge, die Milchviehwirtschaft in die Region, deren Ursprung bis zu den Yamnaya-Steppenhirten aus der mehr als 3000 km westlich gelegenen Schwarzmeerregion zurückverfolgt werden kann. Die kulturellen Auswirkungen dieser Migration waren enorm, obwohl sie nur marginale genetische Spuren hinterließ: In der mittleren bis späten Bronzezeit war die Milchviehhaltung bei den Bevölkerungsgruppen der gesamten östlichen Steppe weit verbreitet.

Heutige Milchviehhirten pflegen Traditionen, die Tausende von Jahren bis in die Vorgeschichte der Mongolei zurückreichen.

Abrupte Vermischung lange getrennter Genpools und Zufluss neuer Abstammungen

In der späten Bronzezeit und frühen Eisenzeit bildeten die Populationen der westlichen, der nördlichen sowie der südlichen und zentralen Mongolei drei unterschiedliche, geographisch strukturierte Genpools. Diese Genpools blieben für mehr als ein Jahrtausend voneinander getrennt bis eine erhöhte Mobilität, die wahrscheinlich durch das Aufkommen des Reitens gefördert wurde, diese Strukturen auflöste. Die Entstehung des Xiongnu-Reiches, im Norden der zentralen Mongolei, dem ersten Nomadenreich Asiens, verlief zeitgleich mit dieser Bevölkerungsvermischung und dem Zufluss neuer genetischer Abstammungen aus ganz Eurasien, vom Schwarzen Meer bis nach China.

„Anstelle einer bloßen genetischen Umwälzung oder Auswechslung ist der Aufstieg der Xiongnu eng verbunden mit einer abrupten Vermischung von Populationen, die vorher für Jahrtausende voneinander getrennt waren. Im Ergebnis weisen die mongolischen Xiongnu eine beeindruckende genetische Vielfalt auf, welchen einen Großteil der genetischen Diversität Eurasiens widerspiegelt“, sagt Dr. Choongwon Jeong, Hauptautor der Studie und Professor für Biologie an der Nationaluniversität Seoul.

Tausend Jahre später zeigten Individuen aus dem mongolischen Reich, einem der größten zusammenhängenden Imperien der Geschichte, einen deutlichen Anstieg der osteurasischen Abstammung im Vergleich zu Individuen aus den früheren Xiongnu-, türkischen und uigurischen Perioden. Begleitet wurde dieser Anstieg von einem nahezu vollständigen Verlust der alten ANE-Abstammung. Bis zum Niedergang des mongolischen Reiches hatte sich die genetische Zusammensetzung der östlichen Steppe drastisch verändert und sich schließlich in dem genetischen Profil stabilisiert, das die heutigen Mongolen kennzeichnet.

In der mongolischen Bronzezeit errichteter Hirschstein mit Schnitzereien.

„Unsere Studie enthüllt nicht nur einen frühen genetischen Beitrag von Populationen der westlichen Steppe, sondern auch eine markante Zunahme der osteurasischen Abstammung zur Zeit des mongolischen Reiches. Die genetische Geschichte der Region ist bemerkenswert dynamisch und die Analyse alter DNA enthüllt allmählich die Komplexität der Bevölkerungsereignisse, welche die eurasische Steppe geprägt haben“, sagt Ke Wang, Ko-Erstautorin der Studie und Doktorandin am MPI-SHH.

Fehlende Laktasepersistenz trotz 5000 Jahren Milchwirtschaft

Neben den Auswirkungen dieser genetischen Ereignisse auf die politischen Strukturen, untersuchte das Forschungsteam auch die Beziehung zwischen Genetik und Wirtschaftsform. Trotz mehr als 5.000 Jahren Milchwirtschaft in der Region, die noch heute einen wichtigen Beitrag zur Ernährung in der Mongolei leistet, konnten keine Hinweise für Laktasepersistenz, eine genetische Eigenschaft, welche die Verdauung von Laktose ermöglicht, gefunden werden.

„Dass wir Laktasepersistenz weder bei der heutigen noch bei der damaligen Bevölkerung nachweisen konnten, stellt aktuelle medizinische Annahmen bezüglich der Laktoseintoleranz in Frage und lässt eine deutlich kompliziertere Vorgeschichte der Milchwirtschaft vermuten. In unserer weiteren Forschung wenden wir uns nun der Darmflora zu, um zu verstehen, wie sich Populationen an eine milchbasierte Ernährung anpassten“, erklärt Seniorautorin Dr. Christina Warinner, Professorin für Anthropologie an der Universität Harvard und Forschungsgruppenleiterin am MPI-SHH.

Dr. Erdene Myagmar, Ko-Seniorautorin der Studie und Professorin für Anthropologie und Archäologie der Nationaluniversität der Mongolei erklärt abschließend: „Die Rekonstruktion von 6000 Jahren genetischer Geschichte der Mongolei hat nachhaltige Auswirkungen auf unser Verständnis der Archäologie dieser Region. Während es uns gelungen ist, einige seit langem offene Fragen zu beantworten, warf die Studie zugleich neue Fragen auf und hielt einige Überraschungen bereit. Wir hoffen, dass diese Studie zu weiteren Forschungsarbeiten anregen wird, welche dazu beitragen, die vielfältigen und vielschichtigen Beziehungen zwischen Abstammung, Kultur, Technologie und Politik während des Aufstiegs der Nomadenreiche Asiens aufzudecken.“

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