Prähistorische Genome verbinden Lebensunterhalt und menschliche Migration in Nordchina

Die genetische Analyse 55 prähistorischer Individuen zeigt, dass genetische Veränderungen in den Populationen des Gelben Flusses, des Westlichen Liao Flusses und des Amur Flusses mit der Intensivierung der Landwirtschaft und dem Aufkommen der Weidewirtschaft korrelieren.

1. Juni 2020

Nordchina ist eines der ersten Zentren weltweit, in denen sich die Landwirtschaft entwickelte. Seine genetische Geschichte ist jedoch noch weitgehend unbekannt. In einer neuen Studie analysierte die eurasia3angle-Forschungsgruppe 55 prähistorische Genome aus China und entdeckte dabei Zusammenhänge zwischen dem Wandel von Subsistenzstrategien und menschlichen Wanderungsbewegungen. Die Studie bietet erstmals einen archäogenetischen Überblick für Nordchina und stellt einen Beitrag zur Debatte über die archäologischen und sprachlichen Signaturen früherer menschlicher Migrationen dar.

Lage der 19 archäologischen Fundorte, an denen die Überreste der 55 in der Studie untersuchten prähistorischen Individuen ausgegraben wurden. Jedes Symbol korrespondiert mit einem Fundort in einer spezifischen Region.

Der erste archäogenetische Überblick für Nordchina

Während jüngste Fortschritte bei der Analyse alter DNA die Hauptmuster der prähistorischen menschlichen Migrationen in Westeurasien nachvollziehbar machten, ist die Bevölkerungsgeschichte des östlichen Eurasiens noch weitgehend unerforscht. Nordchina ist von besonderer Bedeutung, da hier zwei der weltweiten ersten Zentren für den Anbau von Hirse lagen: Die Becken des Gelben Flusses und des Westlichen Liao Flusses. Beide Regionen sind berühmt für ihre reiche archäologische Kultur und ihren Einfluss auf nahe gelegene Regionen. Über die genetischen Interaktionen ihrer Populationen und deren Einfluss auf die Ausbreitung des Hirseanbaus in Nordchina und den umliegenden Regionen, ist jedoch wenig bekannt.

Diesen Fragen ist nun ein Forschungsteam des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte gemeinsam mit der Genetikerin Prof. Dr. Yinqiu Cui und ihrem Team von der School of Life Sciences der Jilin Universität in China nachgegangen. Gemeinsam ist es den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gelungen, 55 Genome aus ganz Nordchina zu entschlüsseln. Das Alter der Genome liegt zwischen 7.500 und 1.700 Jahren und die Fundorte erstrecken sich über die Einzugsgebiete des Gelben Flusses, des Westlichen Liao Flusses sowie des Amur Flusses abdecken. Die Ergebnisse der Analyse ergänzen die Diskussionen über den Zusammenhang zwischen genetischen Kontakten und Veränderungen der Subsistenzstrategien bei und bieten gleichzeitig den ersten umfassenden genetischen Überblick für Nordchina.

Korrelierte Veränderungen von Genen und Subsistenzstrategie

Die Analyse ergab, dass im Gegensatz zu einer ausgeprägten genetischen Kontinuität im Amurbecken die genetischen Profile in der Region des Westlichen Liao-Flusses im Laufe der Zeit eine deutliche Veränderung erfuhren. Im Becken des Gelben Flusses zeigte sich eine allgemeine genetische Stabilität, jedoch erhielt das genetische Profil seit dem mittleren Neolithikum Beiträge von Populationen, die mit heutigen südchinesischen Populationen verwandt sind.

Menschliche Überreste im Hausfundament F40 der archäologischen Stätte Haminmangha im Nordosten Chinas.

"Obwohl sich die genetischen Veränderungen in jeder Region in Zeitpunkt und Intensität unterscheiden, korreliert jede Verschiebung mit Veränderungen in der Subsistenzstrategie", sagt Erstautor Chao Ning vom eurasia3angle-Team des MPI für Menschheitsgeschichte. "Wenn wir in der Zeit zurückblicken, fällt die Zunahme der Amurfluss-Affinität in der Region des Westlichen Liao Flusses mit dem Aufkommen der Weidewirtschaft in der Bronzezeit zusammen, davor korreliert eine Zunahme der Gelbfluss-Affinität in der gleichen Region mit der Intensivierung des Hirseanbaus im späten Neolithikum. Schließlich zeigen unsere am weitesten in der Zeit zurückreichenden Ergebnisse, dass eine Affinität der Populationen im Einzugsbereich des Gelben Flusses zu südchinesischen Populationen, z.B. aus dem Jangtse-Flussbecken, seit dem mittleren Neolithikum mit der Ausbreitung des Reisanbaus nach Norden übereinstimmt".

Choongwon Jeong, ehemals Genetiker im eurasia3angle-Team und heute Wissenschaftler an der Staatlichen Universität Seoul in Südkorea und korrespondierender Autor der Studie, ordnet die Ergebnisse ein. "Wir sind uns bewusst, dass unser aktueller Datensatz um die Genome von Menschen ergänzt werden muss, die den Reisanbau in Nordostchina einführten, wie zum Beispiel frühe Bauern aus den Regionen Shandong und Unterer Jangtse, aber dennoch ist unsere Studie ein großer Schritt vorwärts für das Verständnis der Entwicklung dieser Region".

"Für mich als Sprachwissenschaftlerin sind unsere Ergebnisse ein wirklicher Augenöffner", sagt Martine Robbeets, Hauptautorin und Leiterin des eurasia3angle-Teams. "Da das Flussbecken des Westlichen Liaos mit dem Ursprung der transeurasischen Sprachfamilie und das Becken des Gelben Flusses mit der chinesisch-tibetischen Sprachfamilie in Verbindung gebracht werden, befeuern unsere Ergebnisse die Debatte über den historischen Zusammenhang zwischen archäologischen Kulturen, Sprachen und Genen.

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