Perlen aus Boa-Knochen auf den Kleinen Antillen entdeckt

Der erste Beleg für Boaschlangen auf Martinique, Basse-Terre und La Désirade weist auf die Bedeutung dieser Schlangen für die prä-kolumbianische Bevölkerung hin

13. Mai 2020

Boaschlangen sind auf der Inselgruppe der Kleinen Antillen in der Karibik heute selten und ihr Vorkommen ist unregelmäßig verteilt, in den archäologischen Aufzeichnungen der Region fehlen sie jedoch fast vollständig. Bislang ist unbekannt, ob dies auf die Verbreitung der Art in der Vergangenheit, schlechte Bedingungen für die Erhaltung tierischer Überreste oder mangelnde Interaktion mit menschlichen Gemeinschaften zurückzuführen ist. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, führte Corentin Bochaton vom Jenaer Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und der Universität Bordeaux eine multidisziplinäre Studie durch, die archäologische Belege mit historischen und biologischen Daten kombiniert. Die im Journal of Island and Coastal Archaeology publizierte Studie berichtet über acht archäologische Boa-Funde auf Inseln, auf welchen die Reptilien zuvor noch nie identifiziert wurden, und gibt Einblicke in die Beziehung zwischen indigenen Bevölkerungsgruppen und Boaschlangen vor der westlichen Kolonialisierung.

Wirbel von Boaschlangen, die auf den Inseln Martinique, Basse-Terre und La Désirade gefunden wurden. Sie sind die ersten Belege für das Vorkommen von Boaschlangen auf diesen Inseln.

Für die Studie analysierte Bochaton die tierischen Überreste von drei archäologischen Fundorten: Dizac-Strand auf Martinique, Kathedrale Basse-Terre auf Basse-Terre (Guadeloupe) und Pointe Gros Rampart auf La Désirade (Guadeloupe). Mit einem binokularen Mikroskop untersuchte Bochaton die Oberflächenbeschaffenheit und die taxonomischen Merkmale der Funde und identifizierte schließlich acht Wirbel der Gattung Boa.

Boas hatten einen besonderen Status auf den präkolumbischen Kleinen Antillen

Trotz des Vorkommens vieler anderer Schlangenarten in den archäologischen Sammlungen der Kleinen Antillen scheinen diese Boa-Wirbel die einzigen Schlangenknochen zu sein, die zu Perlen verarbeitet wurden, ein wichtiger Hinweis auf ihre kulturelle Bedeutung. "Die extreme Seltenheit von Boa in zooarchäologischen Assemblagen, in Kombination mit der Tatsache, dass dies die einzigen Schlangenknochen sind, die bearbeitet wurden, spiegelt den prominenten Status wider, den Boaschlangen in den präkolumbischen indianischen Gemeinschaften hatten", sagt Bochaton.

Zeichnerische Darstellung einer Boa in Eydoux & Souleyet (1852)

Die Tatsache, dass Boas in archäologischen Funden weitgehend fehlen, lässt vermuten, dass sie nicht von menschlichen Populationen gejagt oder gegessen wurden, zumindest nicht in der Nähe ihrer Siedlungen, und Belege aus historischen Aufzeichnungen deuten zudem auf einen hervorgehobenen Status der Boas. Die Chronik einer Reise in die Karibik eines bis heute unbekannten Verfassers aus dem 17. Jahrhundert, die sog. Carpentras Anonymous, berichtet, dass die indigenen Bevölkerungsgruppen der Inseln nicht gewillt sind, Boas zu töten, da sie glauben, dass das Leid, das sie den Schlangen zufügen, auch ihren Enkelkindern zugefügt wird. Darüber hinaus berichtet Charles de Rochefort (1658) von einer Erzählung, die auf der Insel Dominica verbreitet war. Diese Geschichte handelt von einer monströsen Schlange mit einem äußerst wertvollen Stein auf dem Kopf, der glühte, wenn die Schlange trank und sich in ihrer tiefen Höhle bewegte.

"Diese Dokumente zeigen uns, dass die Boas unter allen Schlangen einen besonderen Status hatten und besonders gefürchtet und respektiert wurden, was ihre Seltenheit in archäologischen Fundstätten erklären könnte", sagt Bochaton.

Mehrere Beweislinien helfen, die Vergangenheit zu rekonstruieren

Die Inseln der Kleinen Antillen wurden erstmals vor 7.000 bis 5.500 Jahren von indianischen Gruppen besiedelt, aber molekulare Beweise und das Vorkommen von Boa in fossilen Lagerstätten zeigen, dass die Schlangen bereits Tausende, wenn nicht gar Millionen von Jahren auf diesen Inseln lebten. Vor ca. 2.500 Jahren kamen Keramik produzierende Kulturen hinzu und entwickelten sich bis zum ersten Kontakt mit den Europäern. Zu diesem Zeitpunkt taucht ein Keramikstil auf, der als Cayo bekannt ist.

Die westliche Kolonialisierung im 17. Jahrhundert entvölkerte die Kleinen Antillen fast vollständig von den indianischen Bevölkerungsgruppen und löschte die einheimischen kulturellen Praktiken aus. Sie führte auch zum Aussterben einer langen Liste von Arten, die von terrestrischen und fliegenden Säugetieren bis hin zu Vögeln und Schuppenreptilien reicht - eine Liste, von der diese Studie zeigt, dass sie immer noch unvollständig ist.

"Wegen ihres Fehlens in den archäologischen Aufzeichnungen wurde vermutet, dass es auf Guadeloupe keine Boaschlangen gab", erklärt Bochaton. "Diese Überreste zeigen nicht nur, dass Boas hier waren, sie erinnern uns auch daran, wie viel von der Kultur- und Naturgeschichte dieser Inseln verloren gegangen ist und wie wichtig es ist, verschiedene Beweislinien zusammen zu führen, um die Vergangenheit zu enthüllen und zu interpretieren.

 

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