Der eigene Nachwuchs als Nahrungsmittelvorrat

Kannibalismus hilft erwachsenen Rippenquallen neue Lebensräume zu besiedeln

7. Mai 2020

Die Invasion nicht-einheimischer Tierarten kann Ökosysteme nachhaltig verändern und große Schäden anrichten. Es ist deshalb wichtig zu verstehen, wie es solchen Arten gelingt, neue Lebensräume zu besiedeln. Eine aktuelle Studie zeigt, dass die nordamerikanische Rippenqualle, welche mittlerweile häufig an den Küsten des Baltikums anzutreffen ist, dafür ihren eigenen Nachwuchs als Nahrungsquelle nutzt. Da Quallen entwicklungsgeschichtlich zu den frühesten Lebewesen zählen, unterstreicht diese Studie die Annahme, dass Kannibalismus im Tierreich allgegenwärtig ist. Die Studie erscheint am 7. Mai in der Fachzeitschrift Communications Biology.

Photographic evidence of cannibalistic behaviour; Mnemiopsis leidyi larvae (next to red arrows) within the auricles of an adult.

Die lichtdurchlässigen, gallertartigen Körper der Quallen erzeugen ein trügerisches Bild. Denn die Expansion der Rippenqualle, Mnemiopsis leidyi, von den Ostküsten Nord- und Südamerikas in Richtung eurasischer Küstengewässer wirkt sich verheerend auf die lokale Umwelt aus. Die Ursache ihres Erfolges blieb bislang jedoch unbekannt, zumal die Quallen vor Wintereinbruch keine Ressourcen speichern, sondern – scheinbar kontraproduktiv – auf eine vermehrte Fortpflanzung setzen, obwohl der Nachwuchs nicht in der Lage ist, den Winter zu überleben. Es wurde deshalb vermutet, dass ihre Ausbreitung mit dem Fehlen von natürlichen Fressfeinden verknüpft ist. Doch sowohl über diese Vermutung, als auch über die erfolgreichen Erhaltungsstrategien der exotischen Spezies bestand bislang Unklarheit.

Forschende der Süddänischen Universität in Odense und des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte sammelten nun ganzjährig Rippenquallen in ihrem nördlichsten Verbreitungsgebiet vor der Ostseeküste in Norddeutschland. Jamileh Javidpur, Hauptautorin der Studie und Assistenzprofessorin an der Süddänischen Universität erläutert: „Wir kombinierten eine Untersuchung der Populationsdynamik dieser Spezies mit experimenteller Fütterung und geochemischen Tracern, um zum ersten Mal zu zeigen, dass erwachsene Rippenquallen tatsächlich ihren eigenen Nachwuchs verzehren.“

Diese düstere Erkenntnis kann jedoch ökologisch erklärt werden. Als schwimmendes Nahrungsreservoir bleibt der Nachwuchs länger als Nahrungsquelle verfügbar als die natürliche Beute. Die massive „Nachwuchs-Blüte“ öffnet den erwachsenen Tieren ein zusätzliches Wachstumsfenster von zwei bis drei Wochen, das über Leben und Tod entscheiden kann. „In bestimmter Hinsicht verhält sich die gesamte Quallenpopulation wie ein einziger Organismus. Die jüngeren Mitglieder unterstützen dabei die ausgewachsenen bei einem Mangel an Nahrung. Dies ermöglicht den Quallen extreme Ereignisse und Zeiträume, in denen es nur ein geringes Nahrungsangebot gibt, zu überstehen und somit weiter zu expandieren, als es klimatische und andere Bedingungen normalerweise erlauben würden“, sagt Thomas Larsen, Koautor der Studie vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte.

Mnemiopsis leidyi, deutsch Meerwalnuss, ist eine Art der Rippenquallen (Ctenophora). Sie ernährt sich von Zooplankton, Fischlarven und -eiern. Ihre Auswirkungen auf die lokale Fischerei können verheerend sein, wenn sie massenhaft auftreten („Quallenblüte“).

Die durch das Team gewonnenen Daten könnten Umweltschützern und Regierungen dabei helfen, die Ausbreitung der Quallen einzudämmen und so die Verdrängung von einheimischen Arten und Beeinträchtigung von lokalen Fischereibetrieben zu verhindern. Die Rippenquallen konnten sich besonders erfolgreich in Meeren vermehren, die von Erwärmung, Überfischung und übermäßiger Nährstoffbelastung betroffen waren. Die Bekämpfung dieser Probleme könnte die Nahrungsquellen der invasiven Quallen reduzieren und das ökologische Gleichgewicht der eurasischen Meere wiederherstellen. Die Studie warnt jedoch ebenfalls davor, dass die Quallen auch in ihren heimischen Verbreitungsgebieten zu einer problematischen Spezies werden könnten, da unter den richtigen Bedingungen schnelle Blüte- und Fortpflanzungszyklen möglich wären.

Die Untersuchung adressiert zudem breitere Fragen bezüglich des Kannibalismus unter Tieren. Kannibalismus wurde bereits bei mehr als 1,500 Arten beobachtet, darunter Menschen, Schimpansen, Eichhörnchen, Fische und Libellenlarven. Obwohl Kannibalismus manchmal in Zeiten extremer Knappheit oder in Katastrophenfällen zu beobachten ist, kann er auch unter regulären Bedingungen auftreten. „Da Rippenquallen bis auf den Ursprung fast allen tierischen Lebens vor etwa 525 Millionen Jahren, während des Kambriums, zurückzuführen sind, scheint es möglich, dass der Kannibalismus ein grundlegendes, vereinheitlichendes Merkmal des gesamten Tierreichs ist.“, erklärt Jamileh.

Jedoch wird weitere Forschungsarbeit nötig sein, um die Fragen nach dem evolutionären Ursprung des Kannibalismus, seiner Bedeutung für die ersten Arten des Tierreichs und nach der Ursache für sein besonders häufiges Vorkommen in marinen Ökosystemen zu klären. Dennoch lieferten die Quallen einen wichtigen Einblick in diese Überlebensstrategie, um neue Lebensräume zu erobern. Während es für uns eine eher abscheuliche Vorstellung ist, hat ‚in die Zukunft zu investieren‘ eine völlig andere Bedeutung für diese Wirbellosen.

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