Gesellschaftlicher Wandel und Resilienz auf der Arabischen Halbinsel in 12.000 Jahren Klimawandel

Soziale, ökonomische und kulturelle Reaktionen früherer Bevölkerungsgruppen auf Klimaveränderungen unterstreichen die Schwachstellen moderner Gesellschaften und die Notwendigkeit nachhaltiger Lösungen

6. April 2020

Neueste archäologische und paläoökologische Forschungen auf der Arabischen Halbinsel zeigen eine Reihe von gesellschaftlichen Reaktionen auf extreme klimatische und ökologische Schwankungen über Tausende von Jahren. Dazu gehören Migration, eine zunehmende Mobilität der Bevölkerung, die Einführung des Pastoralismus, die Bewirtschaftung von Wasserressourcen und der Aufbau verschiedener Strukturen, um die eigenen Überlebenschancen zu erhöhen. Viele dieser Möglichkeiten stehen der heutigen Bevölkerung der Arabischen Halbinsel jedoch nicht mehr zur Verfügung.

Die Jubbah-Oase mit landwirtschaftlicher Nutzung. In der Vergangenheit war hier eine Seenlandschaft.

Die Arabische Halbinsel gehört heute zu einer der wasserärmsten Regionen der Welt. Doch nicht immer waren die klimatischen Bedingungen so wie heute. Sowohl stärkere Dürren als auch höhere Feuchtigkeit kennzeichneten die Region in der Vergangenheit. Als Gebiet mit einem hohen Risiko von Wasserknappheit, ist die Arabische Halbinsel angesichts der Erderwärmung von besonderem Interesse für die Forschung rund um den Klimawandel.

 

In der aktuellen Studie ziehen Archäologinnen und Archäologen des Jenaer Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte einen ersten detaillierten Vergleich von Mensch-Umwelt-Interaktionen auf der Arabischen Halbinsel. Dabei untersuchten sie den südöstlichen Teil des Gebiets sowie neue Funde aus dem Norden der Halbinsel. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die damaligen Bevölkerungsgruppen je nach Region und verfügbaren Ressourcen unterschiedlich auf Klimaveränderungen reagierten.

Hohe Mobilität, Wasserwirtschaft und ökonomischer Wandel prägten die nördliche Halbinsel

 

Ein deutlicher Anstieg der Niederschläge, die Bildung von Seen und eine Ausbreitung der Vegetation begünstigten die Errichtung menschlicher Siedlungen und kennzeichneten die Arabische Halbinsel vor ca. 10.000 Jahren. Extreme Dürren in den darauffolgenden Jahrtausenden führten jedoch zu drastischen Veränderungen des Ökosystems.

 

Ausgrabung einer Feuerstelle bei Jebel Oraf. Neolithische Gruppen kampierten nahe dem ehemaligen Seeufer, in manchen Fällen überstanden sie so Dürreperioden.



Im nördlichen Teil der Halbinsel ermöglichten große und flache Wasserschichten sowie saisonale Salztonebenen (Playas) das Überleben unter stark schwankenden klimatischen Bedingungen, einschließlich jahrhundertelanger Dürren. Insbesondere Oasen – darunter eine, welche die Gründung der Stadt Jubbah begünstigte – ermöglichten den Fortbestand der menschlichen Ansiedlungen.

Archäologische Befunde deuten zudem darauf hin, dass Menschen in der umliegenden Nefud-Wüste über einen Zeitraum von 9 000 Jahren zu verschiedenen Zeiten anwesend waren. Die Entdeckung des Jebel-Oraf-Abri und einem mittlerweile ausgetrockneten Seeufer mit mehr als 170 Feuerstellen und Überresten von Rindern sprechen für eine langfristige Bewohnung der Region. „Pastoralistische Bevölkerungsgruppen besiedelten diese Region wiederholt über mehrere Jahrtausende, 

Während des „Dunklen Jahrtausends“, einer anhaltenden Trockenperiode im Zeitraum von vor etwa 5.900 bis vor etwa 5.300 Jahren, war die Arabische Halbinsel weitgehend unbewohnbar. Das Forschungsteam fand jedoch mehrere Beweise dafür, dass sich Menschen an der Oase bei Jubbah niederließen. In anderen Gebieten des nördlichen Arabiens ummauerten Bewohner Oasen, schufen Landschaftselemente, um abfließendes Wasser aufzufangen und schachteten Brunnen aus. „In der Zusammenschau“, ergänzt Dr. Huw Groucutt, „deuten die Funde darauf hin, dass die Existenz ausgedehnter, flacher Wasserschichten in Kombination mit einer hohen Mobilität der Bevölkerung, strategischer Wasserwirtschaft und wirtschaftlichem Wandel, das langfristige Überleben der Bevölkerung des nördlichen Arabiens ermöglichten.“

Ausgrabungen von Feuerstellen bei Alshabah, im Herzen der Nefud-Wüste. Pastoralistische Völker kampierten nahe den gut bewässserten Dünenlandschaften.

Abwanderung an die Küste, um Dürren zu überleben

Im Vergleich zum Norden standen dem südöstlichen Teil der Halbinsel deutlich weniger Grundwasserquellen zur Verfügung, weshalb hier ein stärkerer Zusammenhang zwischen Dürren und einschneidendem sozialen Wandel erkennbar ist. Auf die Holocene-Humid-Phase folgten vor etwa 8.200 bis 8.000 Jahren starke Klimaänderungen, welche so extrem waren, dass die bisherige Forschung davon ausgeht, dass hierhin der Wandel vom Jäger-Sammler-Verhalten zur Herdenhaltung von domestizierten Tieren begründet liegt. Darauffolgende Dürren (vor ca. 7.500 bis 7.200 Jahren und 6.500 bis 6.300 Jahren) korrespondieren mit einem Rückgang von Ansiedlungen im Inneren der Wüste, der Entwicklung von Fischer-und Herdenhaltungsgemeinden entlang der Küste und dem Aufbau von Seehandelsbeziehungen zwischen arabischen Pastoralisten und landwirtschaftlichen Gemeinden in Mesopotamien.

Abgemagertes Vieh mit hervorgehobenen Rippen (darunter Kamele) in Felszeichnungen wurde als Zeichen für Mangelernährung und Hunger aufgrund von belastenden Umweltbedingungen interpretiert.

Die extreme Trockenheit des „Dunklen Jahrtausends“ führte dazu, dass der südöstliche Teil des arabischen Wüsteninneren verlassen wurde und Bevölkerungsgruppen in Richtung des Persischen Golfs migrierten. Frühere Forschungsergebnisse lassen jedoch vermuten, dass sich die angespannte Ressourcenlage auch auf die Küstenbewohner auswirkten. Ausgrabungen am Küstenort Ras al-Hamra zeigten, dass der Gesundheitszustand der Küstenbevölkerung des Omans in dieser Periode insgesamt schlecht war. Speziell angeordnete Hügel aus Dugong-Knochen, die auf der Insel Akab in den Vereinigten Arabischen Emiraten gefunden wurden, legen ritualisierte Essgebräuche nahe, möglicherweise als Reaktion auf Nahrungsmittelknappheit.  

Die Vergangenheit zeigt, dass nachhaltige Lösungen gegen den Klimawandel notwendig sind 

Den Zusammenhang zwischen regionalen Auswirkungen des Klimawandels und Anpassungen des Menschen, um widerstandsfähiger zu werden, kann sich für moderne Gesellschaften als lehrreich erweisen. „Regionen zu verlassen, die von klimatischen Veränderungen besonders schwer getroffen waren, war seit Jahrtausenden die überwiegende Reaktion der Menschen“, sagt Professor Michael Petraglia, Hauptautor der Studie. „Doch stetiges Bevölkerungswachstum und steigende Investitionen in den Standort, haben die menschliche Mobilität eingeschränkt. Ebenso unterstreicht die rasche Erschöpfung der Grundwasserschichten noch einmal die Notwendigkeit nachhaltiger Lösungen, um die klimatischen Herausforderungen zu bewältigen.“ 

Die Forscherinnen und Forscher betonen, dass es im ureigenen Interesse des Menschen liegt, jetzt Maßnahmen zur Bewältigung der Klimakatastrophe zu ergreifen. „Manchmal wird der Klimawandel als etwas betrachtet, worüber wir uns nicht zu sehr sorgen müssten, da wir es schon einmal erlebt haben“, fügt Professorin Nicole Boivin, Direktorin der Abteilung für Archäologie am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Koautorin der Studie, hinzu. „Doch die Ereignisse, die wir jetzt erleben, sind beispiellos. Der vom Menschen verursachte Klimawandel ist nicht nur deutlich schwerer vorherzusehen, sondern die Optionen, die den Gesellschaften heute zur Verfügung stehen, sind viel begrenzter als jene, die es unseren Vorfahren erlaubten, die damaligen Veränderungen zu überstehen.“

 

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