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Paläo-Science and History (Paläo-Wissenschaft und Geschichte)

Unabhängige Max-Planck-Forschungsgruppe, 2018-2023

 

Die "Paläo-Science and History" (PS&H) Independent Max Planck Research Group (ehemals "Byzantine Resilience" (ByzRes)) untersucht, wie sich Geschichte als humanistische Disziplin und die auf die Vergangenheit fokussierten Umweltwissenschaften ("Paläo-Wissenschaft") miteinander verbinden lassen.. Basierend auf der langjährigen Mitarbeit der Teammitglieder an verschiedenen interdisziplinären Projekten und insbesondere an der Forschungsinitiative Climate Change and History Research Initiative der Universität Princeton wollen wir Best Practices ("optimale Methoden") für die Interaktion von Geschichte und Naturwissenschaften weiterentwickeln. Wir arbeiten daran, ein Modell für die Forschungszusammenarbeit und die Integration von Daten zu schaffen, das interdisziplinäre Teams aus Naturwissenschaft und Geschichte zukünftig für ihre eigene Arbeit nutzen können. Methodische Fragen stehen zwar im Mittelpunkt unserer Forschung, sie sind jedoch nicht Selbstzweck, sondern ihre Bedeutung beruht auf ihrer entscheidenden Rolle für das Verständnis der Grenzen und Widersprüche der Annäherung - oder Übereinstimmung - zwischen den humanistischen und den naturwissenschaftlichen Ansätzen zur Erforschung der Vergangenheit.

Untersuchte und geplante Bohrstätten in Zentralmazedonien. Bild vergrößern
Untersuchte und geplante Bohrstätten in Zentralmazedonien.

Auf diese Weise trägt PS&H auch dazu bei, die Quellenbasis der Geschichtswissenschaft zu verbreitern. Durch hochauflösende Pollen-, Sediment-, isotopische und geochemische Analysen verschiedener natürlicher Archive, die sich auf historische Zeiten konzentrieren, gewinnen wir neue Erkenntnisse über Phänomene und Prozesse, von denen man sich in der Geschichtsforschung bisher kaum vorstellen konnte, etwas über sie zu erfahren – und wir analysieren, wie diese Erkenntnisse in die geschichtliche Erzählung einbezogen werden können. Unsere Bemühungen konzentrieren sich zudem auf die Schaffung einer gemeinsamen Sprache und die Suche nach den effizientesten Strategien für den Wissensaustausch, um so die traditionellen Grenzen zwischen naturwissenschaftlichen und humanistischen Disziplinen zu überwinden. Mit diesem interdisziplinären Ansatz wollen wir unser Verständnis dafür vertiefen, wie menschliche Gesellschaften – auf allen Ebenen, politisch, wirtschaftlich und kulturell – mit ihrer Umwelt interagieren und die Umweltbedingungen verändern.

In unserer täglichen Arbeit konzentrieren wir uns auf Fallstudien aus Europa und dem Mittelmeerraum. Priorität in der ersten Phase haben langfristige, in die Tiefe gehende Studien zweier griechischer Regionen: Peloponnes und Mazedonien, zu der Zeit als sie für Jahrhunderte von zwei eng miteinander verwandten imperialen Systemen dominiert wurden, dem oströmischen (byzantinischen) und dem osmanischen System. Das Römische Reich war eines der am längsten bestehenden vor-modernen gesellschaftspolitischen Systeme und sicherlich eines der komplexesten. Trotz des Zusammenbruchs des Weströmischen Reichs im fünften Jahrhundert n. Chr. existierte das Oströmische Reich weitere tausend Jahre und entwickelte sich zum römischen Reich des Mittelalters, heute bekannt als Byzantinisches Reich oder verkürzt auch nur Byzanz. Als die byzantinische Hauptstadt 1453 n. Chr. an die Osmanen fiel, blieben viele der sozial-ökologischen Strukturen Byzanzs bestehen oder wurden als Reaktion auf die sehr vielfältigen und instabilen Lebensräume des Mittelmeerraumes sogar weiterentwickelt.

Diese einzigartige Kontinuität angesichts natürlicher Herausforderungen wie instabiler Niederschlagsmuster, extremer Winter oder generationenlanger Dürren macht den östlichen Mittelmeerraum zu einem der besten Labore für die Erforschung der Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt und klimatischen Veränderungen. Unsere Arbeit an diesen Fallstudien umfasst Bohrungen in Seen und Mooren, um Paläo-Umweltarchive zu gewinnen sowie die Entwicklung einer GIS-Datenbank mit Daten aus Wirtschaft, Landwirtschaft, Demographie und Handel, die wir aus Dokumenten in byzantinischen, osmanischen und venezianischen Archiven ableiten. Unsere Quellen sind Steuerkataster, Landvermessungen, Volkszählungen sowie andere Arten von mittelalterlichen und früh-neuzeitlichen Dokumenten und Darstellungen von geschichtlicher Ereignissen. In der zweiten Phase werden wir uns mit unseren Fallstudien auf die West- und Nordtürkei, Sizilien und Großpolen konzentrieren, wo wir ähnliche Methoden anwenden möchten. Auf diese Weise werden wir ein größeres Portfolio an Themen mit Vergleichsdaten schaffen, das eine weitere Ausarbeitung unserer Methodik unterstützen und neue Antworten auf die Fragestellungen unserer historisch-ökologischen Forschung ermöglichen wird.

Das übergeordnete Prinzip, auf dem unsere Forschungsstrategie basiert, ist die ständige Fokussierung auf das gegenseitige Verständnis und Lernen von unterschiedlichen human- und naturwissenschaftlicher Disziplinen in einem einzigen Team. Während wir versuchen, unsere Bemühungen und Methoden auf die gleichen Forschungsprobleme und die gleichen sozial-ökologischen Phänomene sowie die gleiche Region und den gleichen Zeitraum zu konzentrieren, suchen wir gemeinsam nach Wegen, wie wir Verbindungen zwischen unseren verschiedenen Datensätzen und Denkweisen herstellen können.

Verteilung der im TT10-1/14662 Osmanischen Kataster (1460-3CD) erfassten Siedlungen im Umkreis der Bohrstätten im Nordwesten des Peloponnes. Bild vergrößern
Verteilung der im TT10-1/14662 Osmanischen Kataster (1460-3CD) erfassten Siedlungen im Umkreis der Bohrstätten im Nordwesten des Peloponnes.
 
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