Einheitlichkeit und Allianzen halfen Hirten unvorhersehbare Ereignisse zu überstehen

Neue Forschungen zeigen, dass ein einheitliches Herstellungsverfahren und regionale Rohstoffnetzwerke die Basis für die Resilienz der Elmenteitan schuf.

10. Dezember 2020

Vor knapp 4,000 Jahren sahen sich die frühen Pastoralisten des heutigen Kenias enormen Herausforderungen gegenübergestellt. Zusätzlich zu den bislang ungekannten Erkrankungen ihrer Nutztiere und Begegnungen mit fremden Jäger-Sammler Gruppen, nahmen Dürreperioden stetig zu und erschwerten die Suche nach geeignetem Weideland, wie vom Kilimandscharo entnommene Eisbohrkerne zeigen.

Blick auf die Obsidianquellen am Gipfel von Mt. Eburru.

Trotz zunehmend schwerer Herausforderungen entwickelten sich in Südkenia einige der größten und politisch komplexesten pastoralistischen Gesellschaften Ostafrikas, darunter die Massai. Noch heute zählt der Pastoralismus zu den wichtigsten Lebensstilen für die Menschen in den ariden Umgebungen Afrikas. Viehzüchtergesellschaften stellen dabei knapp 90% des gesamten Fleischangebots und rund 50% des gesamten Milchangebots in Ostafrika bereit und unterstützen so ca. 20 Millionen Menschen. Doch aufgrund zunehmender Trockenheit in Afrika gewinnen Strategien, mit klimatischen Unvorhersehbarkeiten umzugehen, erneut an Bedeutung. Um die Strategien der damaligen Viehzüchter zu verstehen, analysierte die Studie 3,200 bis 1,500 alte Steinwerkzeuge aus zwölf frühen Ausgrabungsstätten in Kenia.

Durch die Analyse der Werkzeuge gelang es dem Archäologen Steve Goldstein vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte zu rekonstruieren, wie die Einwohner ihr Wirtschaftssystem organisierten. Seine Ergebnisse zeigen, dass anstatt spezialisierter Werkzeugsets, einheitliche Klingen aus Obsidian mit großem Querschnitt verwendet wurden. Diese Klingen, ein Merkmal der Elmenteita-Kultur, konnten nach den jeweiligen Bedürfnissen ihrer Anwender in eine Reihe weiterer Werkzeuge umgewandelt werden. Sowohl die Klingen als auch die Herstellungstechniken waren für alle Stätten nahezu identisch und zeigten keine Anzeichen von zeitlichem Wandel. 

Trotz des Zugangs zu einer Vielzahl von Rohstoffen, darunter Hornsteine, Chalcedone, Basalte, Laven und Quarz, bevorzugten die Elmenteitan-Pastoralisten mit überwältigender Mehrheit hochwertiger, grün gefärbter Obsidian, welcher aus einem Steinbruch an den oberen Hängen des vulkanischen Mount Eburru im Central Rift Valley stammt. Doch um die weit verstreuten Familiengruppen mit genügend Obsidian zu versorgen, waren lange Transportwege und der Aufbau von Versorgungsnetzwerken erforderlich. 

Obsidianklingen der Elmenteitan.

„Die Hirten der jüngeren Vergangenheit haben weitreichende gesellschaftliche Allianzen und Viehzuchtpartnerschaften gegründet, um Risiken zu verteilen und sich von den katastrophalen Dürren oder Epidemien zu erholen. Das Muster der Elmenteitan könnte zeigen, dass die Hirten eine frühe Form dieser Beziehungen entwickelten und damit die Grundlage für den langfristigen Erfolg des Pastoralismus im östlichen Afrika schufen", so Goldstein. 

Das Engagement in einem breiten regionalen Netzwerk und die Entwicklung einer einheitlichen, aber flexiblen technischen Strategie bilden zusammen die Grundlage für die Mechanismen zur Risikoreduzierung, die das langfristige Überleben der mobilen Hirten sicherten.  

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie liefern neue Erkenntnisse darüber, wie sich die Viehzucht im östlichen Afrika ausbreitete, wo sie weiterhin Millionen von Menschen in Regionen unterstützt, in denen Landwirtschaft nicht möglich ist. Eine wichtige Frage für die Zukunft ist, wie sich die Strategien der Hirten während der Eisenzeit änderten, als neue Technologien die Verbreitung und Herstellung von Steinwerkzeugen obsolet machten.

"Es ist nicht klar, ob dieser Übergang den Zusammenbruch und die Neuformierung sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen verursachte, ob große Migrationen eine Rolle bei der Neugestaltung von Landnutzungsstrategien spielten oder ob die Menschen sich einfach anpassten und neue Technologien übernahmen. Aber es ist klar, dass die alten afrikanischen Pastoralisten nicht dem rauen Klima zum Opfer fielen", schließt Goldstein ab. "Da der Klimawandel die modernen Hirten vor neue Herausforderungen stellt, wird es immer wichtiger, die Strategien zu verstehen, die es dieser Lebensweise ermöglichten, über Jahrtausende hinweg zu überleben." 

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