Agropastoralisten in Zentraltibet betrieben gerstenbasierte Landwirtschaft vor 3.000 Jahren

Neue Untersuchungen verschieben Übergang zur ausschließlichen Gerstennutzung um 1.000 Jahre zurück und beleuchten mögliche Gründe

1. Dezember 2020
Bangga und Umgebung

Gerste assoziieren wir wahrscheinlich mit Bier oder Whiskey. In Tibet zählt Gerste jedoch zu den Grundnahrungsmitteln und stellt in Form von tsampa, ein geröstetes Gerstenmehl, die Basis für die Mahlzeiten der meisten Menschen dar. Die gerstenbasierte Landwirtschaft zählt vermutlich zu den Schlüsselergebnissen der Anpassungen an das Leben in den enormen Höhen und den demographischen Erfolg der historischen Tibetischen Monarchie. Jedoch ist bislang unklar, wann sich die Menschen in Tibet auf eine Gerstenwirtschaft spezialisierten oder warum die damaligen Agropastoralisten das Risiko eingingen, sich auf lediglich ein Getreide zu fokussieren.

In einer im Journal of Anthropological Archaeology veröffentlichten Studie, liefern Forscherinnen und Forscher der Universität Sichuan, dem Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, dem Tibetan Cultural Relics Conservation Institute und der Washington University in St. Louis neue systematische Beweise für eine gerstenbasierte landwirtschaftliche Entwicklung, welche mindestens 1.000 Jahre früher begann als bislang angenommen. Ausgrabungen an der Bangga-Stätte (1055-211 v.Chr.) in Zentraltibet halfen dabei zu klären, wann und warum der Übergang zu einer landwirtschaftlichen Monokultur einsetzte.

Karte der Ausgrabungsstätten. Bangga: grüner Punkt

„Unsere Erkenntnisse über die frühe Landwirtschaft im Hochland von Tibet basiert insbesondere auf Daten aus dem nordöstlichen Teil. Wir wissen deshalb nur wenig darüber, welche Entwicklungen im zentralen Hochland stattfanden, da systematische Ausgrabungen und Probenentnahmen hierfür fehlen“, so Prof. Hongliang Lu von der Universität Sichuan und korrespondierender Autor.

Frühere Untersuchungen der Stätten Qugong und Changguogou vermuteten ursprünglich eine Mischkultur verschiedener Getreide, darunter Hirse, Gerste, Weizen und Buchweizen, welche vor etwa 3.500 bis 3.000 Jahren betrieben wurde. Bei der Ausgrabungsstätte Kaerdong fanden die Forscherinnen und Forscher Hinweise für ein auf Gerste basierendes System vor etwa 1.800 Jahren.

Das internationale Team berichtet in seiner gemeinsamen Studie über die ersten archäobotanischen Sammlungen aus Zentraltibet. Während der vierjährigen systematischen Ausgrabungen, gelang es Professor Lu und seinem Team, 80 Proben aus verschiedenen kulturellen Schichten und steinernen Gehegen zu entnehmen.

Ihre Ergebnisse zeigen eine stabile gerstenbasierte Wirtschaft, welche in Bangga vor knapp 3.000 Jahren praktiziert wurde.

„Übergänge zu anderen Getreidesorten sind meistens an eine komplexe Reihe von Faktoren gebunden“, so Dr. Robert Spengler vom Max-Planck-Institut. „Wir vermuten, dass eine Kombination von Faktoren diesen Wechsel förderte. Dazu zählen eine höhere Kältetoleranz, geringere Bewässerung, Ressourceneinsparungen und der Vorteil einer mobilen pastoralistischen Lebensweise.

Die hohe Kältebeständigkeit und der niedrige Wasserbedarf machte Gerste im Vergleich zu Weizen und Hirse zum idealen Getreide, um die Nahrungsversorgung in diesen Höhenlagen zu sichern.

Denkbar ist auch, dass gesellschaftliche Gründe eine Rolle spielten. Das niedrige Sauerstofflevel und der geringere Luftdruck bedeuten, dass zum Kochen oder Dampfen, wie es für weizen-oder hirsebasierte Nahrungsmittel üblich ist, mehr Ressourcen benötigt werden. Gerste kann hingegen geröstet und zu Mehl vermahlen werden, was sowohl Zeit und Ressourcen einspart. Diese Vorteile könnten die Entwicklung einer reinen Gerstenwirtschaft stimuliert haben.

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