Neuste Publikationen

1.
Olivier Morin and Helena Miton, "Detecting wholesale copying in cultural evolution," Evolution and Human Behavior 39 (2018).
2.
Olena Tykhostup and Piers Kelly, "A diachronic comparison of the Vai script of Liberia (1834–2005)," Journal of Open Humanities Data 4, 2 (2018).
3.
Michael Pleyer, Stefan Hartmann, James Winters, and Jordan Zlatev, "Interaction and iconicity in the evolution of language," Interaction studies 18 (3), 303-313 (2017).
4.
Olivier Morin, "Spontaneous emergence of legibility in writing systems: The case of orientation anisotropy," Cognitive Science: A Multidisciplinary Journal 42 (2), 664-677 (2017).
5.
Olivier Mascaro, Olivier Morin, and Dan Sperber, "Optimistic expectations about communication explain children's difficulties in hiding, lying, and mistrusting liars," Journal of Child Language 44 (5), 1041-1064 (2017).
6.
Olivier Morin and Alberto Acerbi, "Birth of the cool: a two-centuries decline in emotional expression in Anglophone fiction," Cognition and Emotion 31 (8), 1663-1675 (2017).
7.
Piers Kelly, "The origins of invented vocabulary in a utopian Philippine language," Asia-Pacific Language Variation 2 (1), 82-120 (2016).
8.
Olivier Morin, "The disunity of cultural group selection," Behavioral and Brain Sciences , e46 (2016).
9.
Piers Kelly, "Excavating a hidden bell story from the Philippines: a revised narrative of cultural-linguistic loss and recuperation," Journal of Folklore Research 53 (2), 86-113 (2016).
10.
Olivier Mascaro and Olivier Morin, "Epistemology for beginners: Two- to five-year-old children's representation of falsity," PLoS One 10 (10), 0140658 (2015).
11.
Olivier Morin, "A plea for "Shmeasurement" in the social sciences," Biological Theory 10 (3), 237-245 (2015).

Forschungsgruppenleiter

<p><strong><br />Dr. Olivier Morin</strong></p>

Dr. Olivier Morin

E-Mail: morin@shh.mpg.de

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The Mint

Wir haben unsere Color Game App für Smartphones veröffentlicht!

Die “Minds and Traditions”-Forschungsgruppe (aka “the Mint”) ist eine unabhängige Max-Planck-Forschungsgruppe, bestehend seit 2016. Dabei erforschen wir die Entstehung und Entwicklung graphischer Codes. Alle Menschen besitzen die Fähigkeit, mit Lauten (oder Gesten) zu kommunizieren, die Informationen auf eine standardisierte Art verschlüsseln, indem derselbe Code in einer Vielfalt an Bereichen genutzt wird. Dennoch entstand im Laufe der Evolution keinerlei vergleichbare Verwendung von Bildern: es gab keinen allgemeinen Code für graphische Kommunikation. Viele Gesellschaften verwenden heutzutage nur ad-hoc-graphische Codes, die in nur wenigen Kontexten nutzbar sind. Allgemeinnützige graphische Codes entstanden erst vor kurzer Zeit und sehr langsam, zu Beginn nur für eine kleine Anzahl an Nutzern.

In der Mint-Gruppe kommen Kognitionswissenschaft, linguistische Anthropologie und quantitative kulturelle Historik zusammen, um Licht ins Dunkel der Evolution graphischer Kommunikation zu bringen. Wir beschäftigen uns mit visueller Kultur und graphischer Kommunikation im weiteren Sinne, einschließlich aller graphischer Codes, von Schreibsystemen zu mnemonischer Piktographie, Wappen und Münzprägungen. Wir betrachten sie aus einer komparativen und evolutionären Perspektive, indem wir Kulturgeschichte und Anthropologie in einem experimentellen Ansatz kombinieren. Das Simulieren der Evolution graphischer Codes im Labor erlaubt uns, Hypothesen zu erschaffen, die einen Austausch zwischen Experimentalisten, Kulturhistorikern und Anthropologen bietet.

Die Mint-Gruppe teilt die umfangreichen Ambitionen der Abteilung für Sprach- und Kulturevolution: wir möchten zu einer neuen interdisziplinären Kultur beitragen, welche quantitative Mittel zur Erforschung kultureller Entwicklung bereitstellt. Während unser methodischer Hintergrund starke Einflüsse von experimentellen Ansätzen hat, ergreifen wir auch Möglichkeiten, unsere Hypothesen außerhalb des Labors zu testen – um sie robust, replizierbar und relevant zu machen. Alle durchgeführten Studien der Mint-Gruppe, ob experimentell oder nicht, laufen nach modernen Verfahren ab: systematische Vorregistrierung, zugängliche Daten und zugänglicher Code.

 

FORSCHUNGSPROJEKTE

Wie Buchstaben ihre Form bekamen

Das Aussehen der meisten Schriftformen deckt sich mit den grundlegenden Einschränkungen des menschlichen visuellen Systems, d.h. der Wahrnehmung und Verarbeitung von Buchstaben. Beispielweise sind Kardinallinien (horizontale und vertikale Linien), welche unser Gehirn leichter als schiefe Linien verarbeitet, weit verbreitet. Der Gedanke, dass kulturelle Erfindungen, wie das Schreiben, sich an grundsätzliche kognitive Rahmenbedingungen anpassen müssen, ist unter Kognitionswissenschaftlern und Anthropologen etabliert, die kulturelle Entwicklung dieses Phänomens ist jedoch nur wenig bekannt. Die Mint-Gruppe erforscht diesen Aspekt, indem die quantitativen Methoden genutzt werden, die unsere Abteilung auf die Entstehung von Sprachen anwendet, und diese mit Methoden und Ergebnissen der experimentellen Psychologie kombiniert werden.

Diese Forschung bringt uns zwei Arten von Ergebnissen. Erstens validieren wir Laborergebnisse zum ersten Mal außerhalb des Labors: wir zeigen, das experimentell dokumentierte psychophysiologische Biases reale kulturelle Folgen haben. Beispielsweise konnten wir zeigen, dass die Mehrheit der Schriftsysteme dieser Welt komplexe Einschränkungen bezüglich der Organisation kardinaler und schiefer Linien aufweist. Zweitens tragen wir zum neu aufblühenden Feld der kulturellen Evolution bei, indem wir ihre Hypothesen testen. Unsere Arbeit über die Entwicklung von Kardinallinien innerhalb Buchstaben wendete sich an die Frage, ob kognitiv anspruchsvolle Kulturformen einen verlängerten evolutionären Prozess benötigen, um zu entstehen. (Morin 2017 in Cognitive Science  und in Science news)

<em>Die Form der Buchstaben in über 100 Schreibsystemen unserer Welt, hier in sieben Familien gruppiert, scheint präzisen kognitiven Einschränkungen zu folgen. </em> Bild vergrößern
Die Form der Buchstaben in über 100 Schreibsystemen unserer Welt, hier in sieben Familien gruppiert, scheint präzisen kognitiven Einschränkungen zu folgen. 

Neben dem Interesse für die kognitiven Grundlagen der Schrift, ist die Erforschung von Buchstabenformen Teil einer weitgreifenden Bemühung, die Methoden von Kulturgeschichte und experimenteller Psychologie zu integrieren. Unsere derzeitige Arbeit über die Entwicklung der Vai-Silben in Liberia ist beispielhaft für diesen Ansatz. Von allen entstandenen Schreibsystemen in kolonialen und post-kolonialen Kontexten der letzten beiden Jahrhunderte ist die Vai-Schrift eine der am besten dokumentierten. In den 1980er Jahren war die Erforschung der Vai-Schrift ein wesentlicher Schritt innerhalb der Ansicht, dass eine Alphabetisierung mechanisch logisches und kritisches Denken fördern kann. Das Interesse der Mint-Gruppe für die Vai-Schrift kommt ebenfalls von ihrer dynamischen Entwicklung – sie war bis vor kurzer Zeit nicht kanonisch festgesetzt. Unter der Leitung von Piers Kelly, ein Experte für neuzeitliche Schriften, der erstmals das komplexe Eskaya-Schriftsystem und die damit assoziierten Sprachen dokumentiert hat (Kelly, 2016, siehe Publikationen), startete unser Vai-Projekt mit der Konstruktion eines Datensatzes, der die Form der Vai-Buchstaben, welche sie im Laufe der Zeit durchlaufen haben, dokumentiert, sowohl historisch als auch experimentell.  

Entwicklung künstlicher graphischer Codes

Experimentelle Methoden helfen uns weiterhin, die grundlegenden Bedingungen zu erforschen, die die Entstehung graphischer Codes ermöglichen. Menschen sind überaus gut im Erfinden und Lernen kommunikativer Codes, insbesondere bei mündlichen Sprachen. Im Gegensatz zur Universalität von Sprachen entstehen graphische Codes nur selten in der menschlichen Evolution. Wir vermuten, dass dies auf den Eigenheiten der asynchronen Kommunikation beruhen könnte, bei der eine Nachricht an den Rezipienten zeitversetzt übermittelt wird. Eine synchrone (face-to-face) Kommunikation stützt sich auf Interaktionsmechanismen wie gegenseitiges Abwechseln und Korrektur, als auch auf pragmatische Faktoren wie eine gemeinsame Wissensbasis („common ground“). Im Gegensatz hierzu haben der Sender und Rezipient in einer asynchronen Kommunikation keine gemeinsame Wissensbasis, und keine Möglichkeit, Missverständnisse zu korrigieren.

Um diese Hypothese zu testen, lassen wir unsere Studienteilnehmer in unserem Labor graphische Codes entwickeln, indem wir unsere Expertise in der Sprachevolution nutzen, unter der Leitung von James Winters, PhD, in Zusammenarbeit mit Thomas Müller, Doktorand unserer Mint-Gruppe. Hierbei setzen wir ein referentielles Kommunikationsspiel ein, adaptiert von der klassischen Arbeit in experimenteller Pragmatik, um unsere Annahmen zu prüfen. Dabei können die Probanden nur mit Hilfe von Schwarz-Weiß-Symbolen miteinander kommunizieren. Das Ziel ist, diese Symbole zu benutzen um den Spielpartner eine Farbe zu übermitteln und zwischen verschiedenen Farbnuancen unterscheiden zu können. Ein innovativer Aspekt dieser Aufgabe ist, dass unsere Teilnehmer kein direktes Feedback über ihre Leistung erhalten. Sie können nur ihren Spielpartner als Hilfe benutzen und gemeinsam einen graphischen Code entwickeln. Dabei spielen „Korrektur“-Signale (beispielsweise ein Fragezeichen) eine wesentliche Rolle. Die Aufgabe erscheint anfangs einschüchternd, jedoch schaffen es die meisten Spielpaare, erfolgreich einen eigenen „Dialekt“ entstehen zu lassen. Beim Beobachten der Entstehung dieser „Dialekte“ können wir den Einfluss von Synchronität und Asychronität überprüfen.

Nichtsdestotrotz sind Laborexperimente meist demographisch (typischerweise sind die Probanden europäische/nordamerikanische Studierende) und zeitlich (zwei Personen für ein paar Stunden) beschränkt. Wir möchten diese Einschränkungen überwinden, indem wir unsere Kommunikationsspiele als App verwenden – das „Color Game“, welches nach zwei Jahren Entwicklung mit den Spieldesignern von Etter Studio (Kuratoren des Museum of Digital Arts in Zürich [Etter Studio] 2018 veröffentlicht wird. Die Vorteile einer Gamingapp, verglichen mit einem traditionellen Online-Experiment, wurden von diversen Botschaftern der „Smartphone Psychologie“ untermauert [ Geoffrey Miller ]. Wie die Teilnehmer unserer referentiellen Kommunikationsspiele, müssen die Spieler im „Color Game“ schwarz-weiß-Symbole zu graphischen Codes organisieren, um sich gegenseitig bestimmte Farben mitzuteilen. Dabei können sie weltweit, so oft miteinander und mit jeder Person, mit der sie wollen, spielen. Das komplexe Backend der App garantiert die komplette Anonymisierung der Spieler und verhindert, dass sie Freunde kontaktieren. Somit können wir hoffen, durch diese App die Entstehung einer begrenzten, aber unverfälschten, graphischen Sprache zu beobachten, die über sprachliche und kulturelle Begrenzungen hinausgeht und von hunderten anderweitig unbekannten Personen geteilt wird. 

<p><em>Eine Demonstration der „Color Game“-App während der "Langen Nacht der Wissenschaften" im Institut</em></p> Bild vergrößern

Eine Demonstration der „Color Game“-App während der "Langen Nacht der Wissenschaften" im Institut

Visuelle Kommunikation jenseits von Schreiben

Schrift, das mächtigste uns bekannte System der graphischen Kommunikation, bringt uns Verständnis über andere graphische Codes, die nicht als Schrift definiert sind: mnemonische Codes, Flaggen, Wappen, Embleme, Münzen, etc. Diese Codes, traditionell bekannt als Semasiographien, enkodieren keine Komponenten gesprochener Sprache. Außerdem sind sie, verglichen mit Schrift, erheblich begrenzt, hinsichtlich der Quantität und der Vielfalt der Informationen, die sie verschlüsseln. Diese Einschränkungen bringen uns Kenntnisse über die Hürden, die vor der neolithischen Zeit die Schreibentwicklung erschwerten. Jedoch zeigt uns ihre Stärke, wie weitgehend die menschliche Fähigkeit zur asynchronen Kommunikation beim Fehlen einer Schrift reichen kann. Die Forschung der Mint-Gruppe zu Semasiographien hat zwei Ziele. Mit der Sammlung einer Datenbank australischer „Message Sticks“ liefern wir Wissen für die Anthropologie traditioneller mnemonischer Systeme. Außerdem bahnen wir den Weg für eine informationstheoretische Analyse heraldischer und numismatischer Symbole. Unser übergeordnetes Ziel ist zu entdecken, wie viel Informationen Bilder übermitteln können, ohne dass Sprachlaute in ihnen verschlüsselt sind.

„Message Sticks“ sind hölzerne Werkzeuge, die im indigenen Australien zur Langstrecken-Kommunikation helfen sollten. Üblicherweise waren sie klein genug, um in die Handfläche zu passen, und hatten eine glatte Oberfläche, in die eine Reihe von Motiven eingraviert war. „Message Sticks“ wurden landesweit von einem einzelnen Individuum an einen meisten einzelnen spezifischen Empfänger gesendet. Ihre nicht-linguistischen Beschriftungen wurden fast immer von einer mündlichen Botschaft des Boten begleitet, jedoch wurde das diesem einzigartigen graphischen Code zugrundeliegenden System bisher nicht rekonstruiert. Die „Australian Message Sticks“-Datenbank bringt sowohl Bilder als auch die Dokumentation der „Message Sticks“ zusammen, mit standardisierten Metadaten, die eine robuste groß angelegte Analyse erlauben. Dieses Projekt kooperiert mit National Museum of Australia, dem British Museum als auch weiteren europäischen Institutionen, um eine Datenbank der Artefakte und ihrer Bedeutung zu erschaffen, und um Fragen zu beantworten, die sich um die Grenzen und Möglichkeiten nicht-linguistischer Codes in einer vergleichenden Perspektive drehen

 

<p><em>Dr. Kelly beim Inspizieren der australischen „Message Sticks“ im Deutschen Museum, wo sie während der DDR-Zeit chemischer Kontamination durch Baumaterialen ausgesetzt waren.</em></p> Bild vergrößern

Dr. Kelly beim Inspizieren der australischen „Message Sticks“ im Deutschen Museum, wo sie während der DDR-Zeit chemischer Kontamination durch Baumaterialen ausgesetzt waren.

 
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