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Mittnik, A.; Wang, C.-C.; Pfrengle, S.; Daubaras, M.; Zariņa, G.; Hallgren, F.; Allmäe, R.; Khartanovich, V.; Moiseyev, V.; Tõrv, M. et al.; Furtwängler, A.; Andrades Valtueña, A.; Feldman, M.; Economou, C.; Oinonen, M.; Vasks, A.; Balanovska, E.; Reich, D.; Jankauskas, R.; Haak, W.; Schiffels, S.; Krause, J.: The genetic prehistory of the Baltic Sea region. Nature Communications (2018)

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Dr. Alissa Mittnik
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Prof. Dr. Johannes Krause
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Jahrtausende alte Genome erzählen die Bevölkerungsgeschichte Nordeuropas

Die Analyse alter DNA hat gezeigt, dass Skandinavien durch Jäger und Sammler über eine nördliche und eine südliche Route besiedelt wurde und die Landwirtschaft vermutlich durch einwandernde Bauern nach Nordeuropa gelangte.

30. Januar 2018

Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des Max-Planck-Instituts für Menschheits-geschichte in Jena, hat das Erbgut von 38 Nordeuropäern aus der Zeit von etwa 7.500 bis 500 vor Christus analysiert. Die Studie, die heute in Nature Communications erscheint, zeigt, dass Skandinavien ursprünglich über eine südliche und eine nördliche Route besiedelt wurde und dass die Landwirtschaft in Nordeuropa wahrscheinlich durch einwandernde Bauern und Weidehirten rund 2000 Jahre später als in Mitteleuropa eingeführt wurde.

Der Norden Europas könnte in einigen Aspekten der Menschheitsgeschichte als Spätzünder betrachtet werden: Die erste Besiedlung durch Jäger und Sammler erfolgte erst vor etwa 11.000 Jahren, nach dem Rückzug der letzten Eiszeit, und während die Landwirtschaft in Zentraleuropa bereits vor 7.000 Jahren weit verbreitet war, erreichte sie erst Jahrtausende später das südliche Skandinavien und das Baltikum.

Schädel, der im Rahmen dieser Studie untersucht wurde. Fundort: Ölsund, Hälsingland, Schweden, datiert auf etwa 2,300 v. Chr., im Reinraumlabor für die Analyse alter DNA des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte. Bild vergrößern
Schädel, der im Rahmen dieser Studie untersucht wurde. Fundort: Ölsund, Hälsingland, Schweden, datiert auf etwa 2,300 v. Chr., im Reinraumlabor für die Analyse alter DNA des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte.

Mehrere neuere Untersuchungen alter menschlicher Genome beschäftigten sich mit den prähistorischen Bevölkerungsbewegungen, die neue Technologien und Lebenshaltungsformen nach Europa brachten. Wie diese den Norden des Kontinents beeinflussten, ist jedoch noch wenig erforscht. Für die jetzt vorgelegte Studie untersuchte das Forschungsteam, zu dem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Litauen, Lettland, Estland, Russland und Schweden gehörten, Genome von 38 prähistorischen Nordeuropäern, von mobilen Jägern und Sammlern aus dem Mesolithikum (mittlere Steinzeit, vor etwa 12.000 bis 7.000Jahren), den ersten jungsteinzeitlichen Bauern in Südschweden (vor etwa 6.000 bis 5.300 Jahren) bis zu den Bewohnern des Baltikums der späten Bronzezeit (vor etwa 3.300 bis 2.500 Jahren). Dabei konnte das Team überraschende Veränderungen in der genetischen Zusammensetzung der Bevölkerung des prähistorischen Nordeuropas aufdecken.

Zwei Siedlungsrouten durch Skandinavien

Frühere Analysen alter menschlicher Genome haben gezeigt, dass im Mesolithikum zwei genetisch unterschiedliche Gruppen von Jägern und Sammlern in Europa lebten: die sogenannten westlichen Jäger und Sammler, deren Skelette bei Ausgrabungen von der iberischen Halbinsel bis nach Ungarn geborgen wurden, und die aus Karelien im nordwestlichen Russland bekannten östlichen Jäger und Sammler. Überraschenderweise zeigten die Ergebnisse der aktuellen Studie, dass die mesolithischen Jäger und Sammler aus Litauen trotz der geografischen Nähe zu Russland ihren westlichen Nachbarn genetisch sehr ähnlich sind. Die Vorfahren ihrer zeitgenössischen skandinavischen Wildbeuter hingegen stammten von beiden Gruppen ab.

„Die Tatsache, dass im Baltikum westliche Jäger und Sammler lebten, legt nahe, dass die östlichen Jäger und Sammler eine nördliche Route nach Skandinavien nahmen. In Südskandinavien vermischten sie sich genetisch mit westlichen Jäger-Sammlern, die aus dem Süden kamen, wodurch die skandinavischen Jäger und Sammler entstanden“, erklärt Johannes Krause, Direktor der Abteilung für Archäogenetik am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und leitender Autor der Studie.

Landwirtschaft und Tierhaltung - Kulturimporte von Neuankömmlingen

Die großflächige Ausbreitung der Landwirtschaft begann in Südskandinavien erst im 4. Jahrtausend v. Chr., mehr als ein Jahrtausend nachdem sie in Mitteleuropa bereits üblich war. Im Baltikum verließen sich die Menschen noch 1000 Jahre länger auf Jagen, Sammeln und Fischen. Eine wissenschaftliche These lautet, dass die landwirtschaftliche Lebensweise von den lokalen Wildbeutern im Norden entwickelt wurde, die möglicherweise die Praktiken der benachbarten Bauern kopierten, doch die vorliegende Studie erzählt eine andere Geschichte: Die frühesten Bauern in Schweden stammen nicht von mesolithischen Skandinaviern ab, sondern zeigen ein genetisches Profil ähnlich dem der mitteleuropäischen Bauern. Wie diese erbten auch sie einen wesentlichen Teil ihrer Gene von anatolischen Bauern, die sich vor etwa 8.200 Jahren nach Europa ausbreiteten und den einschneidenden Epochenwechsel, die sogenannte neolithische Revolution, den Übergang zur Landwirtschaft, in Gang setzten.

Die Karte zeigt die Fundorte und das Alter, der in dieser Studie analysierten Proben. Bild vergrößern
Die Karte zeigt die Fundorte und das Alter, der in dieser Studie analysierten Proben.

In ähnlicher Weise zeigt die Studie eine fast vollständige genetische Umwälzung im Baltikum mit dem Aufkommen des Pastoralismus vor rund 4.900 Jahren. Die baltischen Jäger und Sammler vermischten sich bis zu dem Zeitpunkt nicht mit Mitteleuropäern oder Skandinaviern und blieben genetisch fast unverändert. Dagegen stimmt das genetische Profil von Individuen, die später als vor rund 4.900 Jahren lebten, zum größten Teil mit dem nomadischer Hirten aus der pontisch-kaspischen Steppe überein.

„Interessanterweise finden wir zu Beginn der Bronzezeit wieder eine Zunahme lokaler Jäger-Sammler-Gene in der Bevölkerung“ sagt Alissa Mittnik vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Hauptautorin der Studie. „Die lokale Bevölkerung wurde nicht vollständig ersetzt, sondern koexistierte und mischte sich schließlich mit den Neuankömmlingen.“ 

Diese Studie hebt die regionalen Unterschiede kultureller Übergänge hervor und schafft die Voraussetzungen für vertiefende Studien zu späteren Perioden der nordeuropäischen Vorgeschichte, wie der Eisenzeit und der Wikingerzeit.

 
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