Quelle

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Philipp W. Stockhammer, Ken Massy, Corina Knipper, Ronny Friedrich, Bernd Kromer, Susanne Lindauer, Jelena Radosavljević, Fabian Wittenborn, and Johannes Krause, "Rewriting the Central European Early Bronze Age chronology: Evidence from large-scale radiocarbon dating," PLoS One , e0139705 (2015).

Quelle: dpa-Dossier Wissenschaft vom 21.10.2015

Mit freundlicher Genehmigung der dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH, Hamburg

www.dpa.de

Fachartikelnummern

- Stockhammer et al. in “PLOS ONE” (2015): 10.1371/journal.pone.0139705
– Allentoft et al. in “Nature” (2015): 10.1038/nature14507
– Haak et al. in “Nature” (2015): 10.1038/nature14317
– Pernicka et al. in “European Journal of Mineralogy” (2011): 10.1127/0935-1221/2011/0023-2140

<strong>Himmelscheibe von Nebra</strong> Bild vergrößern
Himmelscheibe von Nebra

Epoche des Umbruchs – Studie wirft neues Licht auf Bronzezeit in Deutschland

Quelle: dpa-Dossier Wissenschaft

21. Oktober 2015

Augsburg/Heidelberg (dpa/fwt) – Die ausgefeilte Verarbeitung von Metallen, eine deutliche Ausweitung der Handelsnetze und eine stärkere Hierarchisierung: Die Bronzezeit war in Mitteleuropa eine Epoche des Umbruchs. Nun haben Forscher in einem Großprojekt etwa 4000 Jahre alte Gräber in Süddeutschland analysiert. Die Datierung von rund 150 Gebeinen in Bayern und Baden-Württemberg stellt grundlegende Lehrmeinungen infrage. Sie gibt Aufschluss über das damalige Leben der Menschen und löst ein Rätsel um den Fund der Himmelsscheibe von Nebra. Das berichtet das Team um Philipp Stockhammer von der Universität Heidelberg und Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena im Fachblatt “PLOS ONE”.

Mit dem Ende der Kupfersteinzeit begann in Mitteleuropa das erste Stadium der Bronzezeit, die Frühe Bronzezeit (FBZ). Vorangegangen war eine massive Zuwanderung von Hirtenvölkern aus dem Schwarzmeer-Gebiet vor rund 4500 Jahren, wie Ernst Pernicka vom Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie in Mannheim berichtet. Während der Frühen Bronzezeit, die Experten in Mitteleuropa bislang auf die Zeit von etwa 2300 v. Chr. bis 1550 v. Chr. datierten, etablierten sich Bronzelegierungen aus Kupfer und Zinn.

Seit mehr als 100 Jahren unterteilten Forscher diese Epoche in zwei klar getrennte Phasen: Anfangs bestand die Bronze demnach noch vor allem aus gehämmertem Kupfer mit allenfalls wenig Zinn, später – nach bisheriger Datierung ab etwa 2000 v. Chr. – wurde die Bronze aus beiden Metallen mit einem Mischungsverhältnis von etwa 9 zu 1 gegossen. Grundlage dieser zweigeteilten Chronologie war die Idee, dass sich Gesellschaften linear und zielgerichtet entwickeln, vom Einfachen hin zum Komplizierten. “Das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der damaligen Evolutionslehre noch zeitgemäß”, sagt Stockhammer.

Die neue Untersuchung liefert nun ein anderes Bild: Die Forscher datierten rund 140 menschliche Gebeine aus Gräbern bei Augsburg. Südlich der Gegend erstreckt sich eine schmale Lössterrasse, an deren Rändern jahrhundertelang Familien in Gehöften mit drei bis vier Häusern lebten, neben denen sie ihre Toten bestatteten. Zudem untersuchten die Wissenschaftler zehn Gräber aus Singen in der Nähe des Bodensees.

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Königsbrunn - Obere Kreuzstraße (Baugebiet 110) Grab 23.

Die Analysen zeigen eindeutig, dass die Frühe Bronzezeit in dieser Region recht einheitlich um 2150 v. Chr. begann – also später als bisher angenommen. Bis 1900 v. Chr. fanden die Wissenschaftler in den Gräbern sowohl Nadeln und Schmuck aus Knochen und Wildschweinhauern als auch Objekte aus Kupfer mit meist nur geringem Zinnanteil. Erst ab dieser Zeit enthalten manche Gräber Gegenstände aus der härteren, zum Teil aufwendig gegossenen Bronze.

Allerdings löste dieser komplexe Bronzeguss einfachere Verfahren – zumindest in Süddeutschland – keineswegs ab. Stattdessen blieben die Menschen in dieser Region grundsätzlich bei ihrer früheren, traditionellen Technik. Aufwendig gegossene Bronzeobjekte wurden demnach hauptsächlich von außen eingeführt.

Als Quelle vermuten die Forscher vor allem das Mittelelbe-Saale-Gebiet. Diese Region zählt zur sogenannten Aunjetitz-Kultur – benannt nach dem Ort Aunjetitz (Únětice) bei Prag. Sie bildete das Zentrum der Frühen Bronzezeit in Mitteleuropa und zog sich über Westpolen, Böhmen und Mähren bis nach Niederösterreich. Die Menschen dort hatten das Bronzegießen schon um 2200 v. Chr. entwickelt. Dabei verwendeten sie Pernicka zufolge Zinn aus dem Erzgebirge, aber auch aus dem südenglischen Cornwall, der größten Zinn-Lagerstätte Europas.

Gegossene Objekte gelangten demnach aus Ostdeutschland über soziale Beziehungen und Handelswege nach Süddeutschland. Die härtere Bronze verbreitete sich jedoch im Augsburger Raum – im Gegensatz zu früheren Annahmen – keineswegs flächendeckend. “Dies hing ab von der Bereitschaft und der Fähigkeit der Menschen, Neuerungen zu übernehmen”, sagt Stockhammer. Diese Bereitschaft war offenbar begrenzt. Nur in wenigen Gräbern fanden die Forscher solche Objekte. Letztlich, so folgern die Wissenschaftler, existierten beide Varianten jahrhundertelang nebeneinander.

 
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