Abteilung Sprach- und Kulturevolution

Auf dieser Seite finden Sie eine Übersicht der Forschungsprojekte der Abteilung Sprach- und Kulturevolution. Bitte beachten Sie: Die verlinkten weiterführenden Informationen liegen meist ausschließlich in englischer Sprache vor.


Forschungsüberblick

Die Abteilung Sprach- und Kulturevolution verfolgt das Ziel, grundlegende Fragen der menschlichen Geschichte zu beantworten. Unser Schwerpunkt liegt auf der Beschreibung und Erklärung der wichtigsten Strukturen sprachlicher und kultureller Vielfalt weltweit. Um dieses Ziel zu erreichen, bringen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen, wie Anthropologie, Informatik, Evolutionsbiologie, Linguistik und Sozialwissenschaft, zusammen. Gemeinsam entwickeln wir neuartige Methoden der Sprachdokumentation, globale Sprach-und Kulturdatenbanken sowie Analyseverfahren, die evolutionäre Theorien und neue computerbasierte Methoden nutzen. Dieser durch und durch interdisziplinäre Ansatz erlaubt es uns, die quantitative Strenge der Naturwissenschaften mit den Erkenntnissen zu zusammenzuführen, die nur durch den engen Kontakt mit den primären sprachlichen und kulturellen Daten gewonnen werden können.

 

Forschungsbereiche

DIE EVOLUTION DER SPRACHLICHEN VIELFALT

Angesichts der weltweiten sprachlichen Vielfalt verlangen drei grundlegende Tatsachen eine Erklärung:

  • Warum werden heute fast 7000 verschiedene Sprachen gesprochen?
  • Warum sind diese Sprachen so ungleichmäßig über die Erde verteilt?
  • Warum sind diese Sprachen so unterschiedlich?

Wir versuchen, diese Fragen zu beantworten, indem wir linguistische Datenbanken (Glottobank, COBL, Sound Comparisons, TransNewGuinea.org, Austronesian Basic Vocabulary Database, Tsammalex, Glottolog, Dictionaria), Computermethoden (CALC), und gezielte Feldforschung (Vanuatu Languages and Lifeways Project) miteinander kombinieren.

 

Projekte zur Erforschung der sprachlichen Vielfalt:

Glottobank ist ein internationales Forschungskonsortium, welches gegründet wurde, um sprachliche Vielfalt zu dokumentieren und zu erforschen. Wir entwickeln Methoden, um aus diesen Daten neue Erkenntnisse zur Menschheitsgeschichte, den Beziehungen der Sprachen zueinander und den Prozessen des sprachlichen Wandels zu gewinnen.

CoBL (Cognacy in Basic Lexicon) ist eine neuartige Datenbank zur Untersuchung der Frage, wie eng die Sprachen einer Sprachfamillie miteinander verwandt sind. Das CoBL-Framework und der Online-Datenbank-Explorer sind auf qualitative und quantitative sowie phylogenetische Forschungszwecke zugeschnitten. CoBL-IE erfasst derzeit die Indo-europäische Sprachfamilie, das Modell kann aber auf jede Sprachfamilie angewandt werden.

Sound Comparisons ist eine Datenbank und Webseitenstruktur zur Erkundung der phonetischen Vielfalt von Sprachfamilien aus der ganzen Welt. Über 500 Sprachvarianten, die wir bei Feldstudien in Europa, Südamerika und im Pazifik aufgenommen haben, können direkt abgerufen und verglichen werden.

TransNewGuinea.org ist eine Datenbank der Sprachen Neuguineas. Über die Geschichte dieser Sprachen ist kaum etwas bekannt. Dieses Projekt zielt darauf ab, die Vorgeschichte Neu-Guineas mit Hilfe vergleichender linguistischer Methoden in Kombination mit neuen computergestützten phylogenetischen Methoden zu erforschen.

CALC Computergestützter Sprachvergleich - Während computerbasierte Ansätze heutzutage weitverbreitet sind, konzentriert sich dieses ERC geförderte Projekt auf die Kommunikation zwischen klassischer und computerbasierter Linguistik. Dabei werden Schnittstellen entwickelt, die es erlauben, Daten in maschinenlesbarer Form zu produzieren und gleichzeitig die Ergebnisse der Computeranalysen transparent und in für Menschen lesbarer Form darzustellen.

Vanuatu Languages & Lifeways - Vanuatu ist ein Inselstaat aus etwa 80 Inseln im Südpazifik. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist Vanuatu weltweit das Land mit der größten sprachlichen Vielfalt und die Anzahl seiner kulturellen Traditionen und Lebensweisen ist riesig. Wie hat sich diese Vielfalt entwickelt? Was trägt zu ihrer Erhaltung bei? Und wie sehen die Perspektiven für die Zukunft aus? Wir kombinieren Ansätze aus Linguistik, Genetik, Anthropologie und weiteren Disziplinen, um die historischen und gegenwärtigen Prozesse zu verstehen, die sowohl Vielfalt als auch Konvergenz in den Sprachen und Lebensweisen von ni-Vanuatu-Gemeinschaften erzeugen. Im weiteren Sinne verfolgen wir sowohl einen synthetischen theoretischen, als auch einen empirischen Ansatz, um grundlegende Fragen der kulturellen und sprachlichen Evolution zu beantworten.

Austronesian Basic Vocabulary Database - Die Datenbank des austronesischen Grundwortschatzes beinhaltet lexikalische Daten zahlreicher pazifischer Sprachen für einen umfassenden Sprachvergleich. Mit Wortlisten für mehr als 1.500 Sprachen des asiatisch-pazifischen Raums ist sie eine der weltweit größten sprachübergreifenden Datenbanken.

Tsammalex ist eine mehrsprachige lexikalische Datenbank für Pflanzen- und Tierbezeichnungen. Sie enthält linguistische, anthropologische und biologische Informationen sowie Bilder. Sie wurde als Ressource für Linguisten, Anthropologen, Sprachplaner und Sprachgemeinschaften eingerichtet, die an der Erhaltung ihres biologischen Wissens interessiert sind. Auf lexikalische und biologische Daten kann direkt zugegriffen werden, weiterhin kann nach bestimmten Sprachen oder geografischen Regionen mit unterschiedlichen Details gefiltert werden.

Glottolog ist ein umfassender Katalog der „Languoids“ - Sprachen, Sprachfamilien und Dialekte - der Welt. Er ordnet allen Languoids stabile Identifikatoren zu, zeigt ihre regionale Verbreitung und stellt Verbindungen zu anderen sprach- und kulturwissenschaftlichen Ressourcen her. Zusätzlich enthält Glottolog zahlreiche bibliographische Hinweise. Glottolog wird ständig mit Hilfe der weltweiten linguistischen Community aktualisiert.

Dictionaria ist eine Open-Access-Zeitschrift, die qualitativ hochwertige Wörterbücher für Sprachen aus aller Welt veröffentlicht, mit einem Fokus auf Sprachen, die nur wenige Sprecher haben. Die Wörterbücher werden nicht in der traditionellen linearen Form veröffentlicht, sondern als Datenbanken, die leicht durchsucht, verlinkt und exportiert werden können.

 


DIE EVOLUTION DER KULTURELLEN VIELFALT

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine multidisziplinäre Forschung zur Entstehung der menschlichen Kultur und des kulturellen Wandels aus evolutionärer Perspektive entwickelt. Wichtige Fragen für das Feld sind:

  • Wie und warum entsteht kulturelle Vielfalt?
  • Welche Prozesse erhalten und stabilisieren kulturelle Variabilität, Grenzen und Identitäten?
  • Was führt dazu, dass kulturelle Vielfalt verloren geht?

Wir bringen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Sozial- und Biowissenschaften zusammen, um grundlegende Fragen der kulturellen Evolution sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene zu bearbeiten. Wir dokumentieren die kulturelle Vielfalt der unterschiedlichen Regionen der Welt und der gesamten Menschheitsgeschichte anhand primärer und sekundärer Datenquellen. Unsere Projekte konzentrieren sich auf die demographische und anthropologische Datenerhebung und auf den Aufbau großangelegter quantitativer, interkultureller Datenbanken historischer und zeitgenössischer Kulturen. Wir wenden eine breite Palette computergestützter und statistischer Methoden auf vergleichende kulturelle Daten an, um Hypothesen zur kulturellen Evolution zu testen und diese mit zeitgenössischer und historischer ethnographischer Arbeit zu kombinieren. Bitte klicken Sie auf die Links unten, um mehr über unsere Forschung zur Entwicklung der Religion, das Projekt Vanuatu Languages and Lifeways und die D-Place Datenbank der Weltkulturen zu erfahren.

 

Projekte zur Erforschung der kulturellen Vielfalt:

Kulturelle Evolution der Religion wir kombinieren interkulturelle Daten mit computergestützten Methoden, um Theorien über die Evolution übernatürlicher Überzeugungen und Praktiken zu testen. Unsere jüngste Forschung hat sich darauf konzentriert, zu verstehen, wie sich Merkmale der Religion gemeinsam mit der Struktur menschlicher Sozialsysteme und der physischen Umgebung, in der wir leben, entwickelt haben.

Vanuatu Languages & Lifeways - Vanuatu ist ein Inselstaat aus etwa 80 Inseln im Südpazifik. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist Vanuatu weltweit das Land mit der größten sprachlichen Vielfalt und die Anzahl seiner kulturellen Traditionen und Lebensweisen ist riesig. Wie hat sich diese Vielfalt entwickelt? Was trägt zu ihrer Erhaltung bei? Und wie sehen die Perspektiven für die Zukunft aus? Wir kombinieren Ansätze aus Linguistik, Genetik, Anthropologie und weiteren Disziplinen, um die historischen und gegenwärtigen Prozesse zu verstehen, die sowohl Vielfalt als auch Konvergenz in den Sprachen und Lebensweisen von ni-Vanuatu-Gemeinschaften erzeugen. Im weiteren Sinne verfolgen wir sowohl einen synthetischen theoretischen, als auch einen empirischen Ansatz, um grundlegende Fragen der kulturellen und sprachlichen Evolution zu beantworten.

Die Datenbank für Orte, Sprachen, Kultur und Umwelt (D-PLACE) führt systematisch die kulturellen, sprachlichen, ökologischen und geografischen Informationen von mehr als 1400 vorindustrielle Gesellschaften zusammen. Indem wir kulturelle Gruppen  ihren geographischen Standorten und ihrer gemeinsamen sprachliche Abstammung zuordnen, wenden wir computergestützte Methoden an, um die Rolle von Umwelt, räumlicher Nähe und kultureller Abstammung in beobachtbaren Mustern der interkulturellen Vielfalt in den Regionen der Welt zu untersuchen.

 


GENE, SPRACHE , KULTUR

Die Genetik hat unser Verständnis der menschlichen Vergangenheit revolutioniert. Dabei hat sie sowohl die Details der menschlichen Evolution als auch die Komplexität unserer jüngeren Geschichte enthüllt. Durch die Analyse von genetischen Daten zusammen mit kulturellen und sprachlichen Daten adressieren wir folgende weitgefasste Forschungsfragen:

  • Wie und wo stimmen die geschichtlichen Erkenntnisse aus (Archäo-)Genetik, Archäologie und historischer Linguistik überein?
  • Welche kulturellen Prozesse erzeugen oder erhalten genetische Vielfalt?
  • Wie können wir genetische Schlussfolgerungen am besten mit denen anderer historischer Wissenschaften integrieren?

Wir entwickeln und wenden eine Reihe von Methoden aus der Populationsgenetik, der Kulturevolution und der Gen-Kultur-Koevolution an, um einheitliche Modelle der menschlichen Geschichte zu erstellen. Wir integrieren Daten zeitgenössischer DNA aus gezielten Feldforschungsprojekten in Mali, Peru und Vanuatu, Daten von DNA vergangener Zeiten, die in den Laboren der Abteilung für Archäogenetik gewonnen wurden, sowie sprachliche und kulturelle Daten unserer Abteilung Sprach- und Kulturevolution.

Bitte klicken Sie auf die Links unten, um mehr über unsere Forschung zu erfahren: zu genetisch-kultureller Koevolution, zu genomischen Einblicken in die Verbreitung der Quechua-Sprachen und die Expansion des Inkareichs sowie zur genetischen Identität des Bangande Volkes, „The Secret Ones.

 

Projekte zur Erforschung von Genen, Sprache, Kultur

Genetisch-culturelle Koevolution - Unsere Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit den Wechselwirkungen zwischen humangenetischen und kultur-evolutionären Systemen und integriert Methoden und Daten aus Populationsgenetik, Anthropologie, Archäologie, historischer Linguistik und quantitativer Geschichte. Genetisch-kulturelle Koevolution ist die umfassende Erforschung der menschlichen Evolutionsgeschichte, die aus unterschiedlichen Disziplinen schöpft, um auf die einzigartigen menschlichen Prozesse zu schließen, die der Verbreitung moderner oder antiker genetischer und kultureller Variation zugrunde liegen. Wir entwickeln Simulations- und statistische Inferenzmethoden, einschließlich geografischer und Paläoumweltmodellierung, um einen einheitlichen Rahmen für die demographische Inferenz von Menschen zu schaffen.

Eine interdisziplinäre Vorgeschichte Südamerikas - Archäologie, Genetik und Linguistik eröffnen uns unterschiedliche, komplementäre Einblicke in unsere Vergangenheit. Dieses Projekt führt eine fortlaufende Reihe explizit interdisziplinärer Symposien (mit daraus resultierenden Publikationen), in einem innovativen Format durch, um das Verständnis und die Interaktion zwischen Spezialistinnen und Spezialisten unterschiedlicher Disziplinen aus aller Welt zu fördern. Ziel ist es, sich auf eine kohärente und ganzheitliche Vorgeschichte zu verständigen - nicht zuletzt über die "unberührte" Zivilisation der Anden.

Genomische Einblicke in die Expansion der Inka und die Verbreitung der Quechua-Sprachen - Das Inkareich war einer der Hauptgründe dafür, dass Quechua die größte überlebende Sprachfamilie der amerikanischen Urbevölkerung ist. Aber auch andere, frühere und spätere Imperien verbreiteten Quechua. Zudem können sich Sprachen nicht nur durch Migrationen ausbreiten, sondern auch durch kulturelle Vorherrschaft. Immer begleitet von sprachlichen, archäologischen und historischen Aufzeichnungen, sammelt und analysiert dieses Projekt neue humangenetische Daten aus den Anden, um zu erforschen, wo und wie die Inkas Quechua verbreiteten.

Die genetische Identität des Bangande Volkes: "The Secret Ones" - Dieses Projekt erforscht die genetische Struktur der Bangande, den Sprechern des Bangime, und der sie umgebenden Dogon-Sprecher, um mehr über ihre einzigartige Geschichte und ihre Beziehungen zu anderen afrikanischen Bevölkerungsgruppen zu erfahren. Diese interdisziplinäre Forschung hat das Potenzial, die demografische Geschichte Afrikas und die Interaktion zwischen Genen und Sprachen aufzudecken.

GeLaTo: Genes and Languages Together - Dieses Projekt konzentriert sich auf die Übereinstimmungen und Diskrepanzen zwischen sprachlicher und genetischer Variation. Um diese Parallelität zu untersuchen, stellen wir eine neue genetische Datenbank zusammen, die mit relevanten qualitativen und quantitativen sprachlichen und kulturellen Informationen abgeglichen wird.

 


KOGNITIVE EVOLUTION

Um die Evolution von Kognition zu erforschen, verwenden wir den vergleichenden Ansatz. Wenn wir die kognitiven Fähigkeiten von Tieren untersuchen, können wir etwas über die Faktoren erfahren, die die Evolution kognitiver Fähigkeiten auch beim Menschen beeinflussen.

Drei komplementäre Forschungsgruppen konzentrieren sich auf spezifische kognitive Domänen:

DogStudies befasst sich mit Domestikation und Hund-Mensch-Interaktionen. In diesem Projekt untersuchen wir die kognitiven Fähigkeiten von Familien- und Gebrauchshunden. Aufgrund ihrer langen Domestikationsgeschichte stellen Hunde ein interessantes Modell dar, um verschiedene Fragen bezüglich der Evolution kognitiver Fähigkeiten zu untersuchen.

Evolution der Kommunikation - Die Forschung dieser Gruppe konzentriert sich auf die Evolutions- und Entwicklungspfade kommunikativer Fähigkeiten. Wir konzentrieren uns auf drei Modellsysteme: (1) vorsprachliche menschliche Kinder, (2) eng verwandte Arten (Menschen, Menschenaffen) und (3) Arten, die in vergleichbaren sozialen Umgebungen leben oder vergleichbare soziale Matrizen aufweisen.

Grammatik der Werkzeuge - Einer Theorie über die Koevolution von Sprache und (materieller) Kultur zufolge, teilen beide eine "Grammatik der Aktion". Dieses Projekt untersucht Werkzeugverwendung und Sprache neukaledonischer Krähen mit dem Ziel, Vergleiche und Rückschlüsse auf die Aktionsgrammatiken und linguistischen Strukturen anderer Arten zu ziehen, die ebenfalls Werkzeuge verwenden, wie Schimpansen, Seeottern und Menschen.