Die Ursprünge der Evolutionsforschung in Jena

<em>Charles Darwins erste Skizze eines Stammbaums der Arten. Das Notizbuch ist im Museum f&uuml;r Naturgeschichte in New York City zu sehen.</em> Bild vergrößern
Charles Darwins erste Skizze eines Stammbaums der Arten. Das Notizbuch ist im Museum für Naturgeschichte in New York City zu sehen.

Spätestens vom Sommer 1837 an war Charles Darwin von der gemeinsamen Abstammung der Arten, ihrer allmählichen Entstehung durch Aufspaltung und immerwährenden Veränderung überzeugt. In dieser Zeit skizziert er in einem seiner Notizbücher mit wenigen Strichen seinen weltberühmten „Tree of life“. Er gilt als der erste Versuch, die stammesgeschichtliche Entwicklung der Arten bildlich darzustellen. 1858 präsentierte er seine „Evolutionstheorie“ vor der Linné-Gesellschaft in London, und veröffentlichte seine Gedanken in dem Buch „Über die Entstehung der Arten“ (The origin of species).

In Deutschland sind die Ursprünge der Evolutionstheorie und -forschung unauflöslich mit dem Namen Ernst Haeckel (1834-1919) verbunden. Ernst Haeckel studierte zunächst Medizin und erhielt 1858 die Approbation als Arzt. Von Jugend an interessierte er sich jedoch mehr für die Naturwissenschaften, zunächst für die Botanik und seit den 1850er Jahren die Zoologie.

1860 liest Ernst Haeckel Darwins über die Entstehung der Arten in der 1. deutschen Übersetzung und bekennt sich von nun an zu dessen Theorie. Ihrer Verbreitung und Weiterentwicklung widmet er einen großen Teil seiner wissenschaftlichen Arbeit, und sie wird für ihn der Ausgangspunkt seiner Weltanschauung. 1861 kommt Ernst Haeckel nach Jena. Als er 1862 seine Arbeit über die Radiolarien veröffentlicht, bekennt er sich darin offen zur Evolutionstheorie Darwins.

<em>Ernst Haeckel im Alter von 26 Jahren</em> Bild vergrößern
Ernst Haeckel im Alter von 26 Jahren

Als Haeckel nach Jena kommt stehen selbst viele Naturwissenschaftler Darwins Theorie noch abwartend bis vehement ablehnend gegenüber. Er trifft hier jedoch auch Forscherpersönlichkeiten, die ihr offen gegenüberstehen oder sich bereits selbst mit dem Erkennen und Aufzeichnen evolutionärer Prozesse beschäftigen.

Carl Gegenbaur, der Jenaer Ordinarius für Anatomie und Zoologie, Freund und Förderer Haeckels, gilt heute als einer der Väter der Evolutionsmorphologie und bedeutendster Wirbeltiermorphologe des 19. Jahrhunderts. In Jena entstand Gegenbaurs Standardwerk „Grundzüge der vergleichenden Anatomie“ (1859), in dem er strukturelle Ähnlichkeiten verschiedener Tiere als Beleg für ihre evolutionäre Entwicklung identifizierte.

Matthias Jacob Schleiden (ca. 1855) Bild vergrößern
Matthias Jacob Schleiden (ca. 1855)

Auch bei Matthias Jacob Schleiden fällt Darwins Theorie auf fruchtbaren Boden. Schleiden ist seit 1839 in Jena und seit 1850 Direktor des Botanischen Gartens. In der Biologie wurde er als Mitbegründer der Zelltheorie berühmt. Schleiden gehörte zu den ersten deutschen Botanikern, die Darwins Evolutionstheorie akzeptierten. Seit jeher galt Schleidens Interesse auch der Anthropologie. Bereits 1862 hatte Schleiden Darwins Evolutionslehre für seine Anthropologievorlesungen adaptiert und zum Ausgangs- und Ansatzpunkt seiner Argumentation gemacht. Er war auch einer der Ersten, der die Kulturentwicklung des Menschen als Fortschreibung seiner biologischen Evolution betrachtete.

Der Linguist August Schleicher war seit 1857 in Jena. Er gilt als Begründer der Stammbaumtheorie in der vergleichenden Sprachforschung und zusammen mit Franz Bopp als Wegbereiter der Indogermanistik. Zwischen Haeckel und Schleicher entwickelt sich eine Freundschaft und Haeckel drängt seinen Freund Darwins „Über die Entstehung der Arten zu lesen“.

Schleicher, der schon zuvor Sprachfamilien in Form von Stammbäumen dargestellt hatte, sah große Parallelen zwischen dem „Leben der Sprachen“ und dem „Leben überhaupt“. Diese Parallelen stellte er 1863 in einem Offenen Sendschreiben (Brief) an Haeckel dar. Es trägt den Titel: „Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft“. Schleicher schloss aus dem Umstand, dass Sprachen denselben Entwicklungsprozessen wie Tiere und Pflanzen unterlagen, dass auch Sprachwissenschaften mit naturwissenschaftlichen Methoden betrieben werden müssten. Es galt eine Ursprache zu finden, aus der sich unterschiedliche moderne Sprachen ableiteten.

August Schleichers Stammbaum der indo-germanischen Sprachen in seinem Sendschreiben an Ernst Haeckel. Bild vergrößern
August Schleichers Stammbaum der indo-germanischen Sprachen in seinem Sendschreiben an Ernst Haeckel.
August Schleicher Bild vergrößern
August Schleicher

„Ist nicht die Entwicklungsgeschichte der Sprache eine Hauptseite der Entwicklungsgeschichte des Menschen? […] Dass bei den Sprachforschern die naturwissenschaftliche Methode mehr und mehr Eingang finde, ist ebenfalls eine meiner lebhaftesten Wünsche."

 

Angeregt durch Schleichers Stammbäume begann auch Haeckel seine Überlegungen und Forschungsergebnisse in Form von Stammbäumen darzustellen. 1866, drei Jahre nach Schleichers Sendschreiben, erschien Haeckels Generelle Morphologie mit Abbildungen jener phylogenetischen Bäume, die seither für viele Verbildlichungen der Abstammung Modell standen.

1874 entsteht der wahrscheinlich bekannteste Stammbaum Haeckels: Eine stattliche Eiche an der Spitze der Mensch als Krone der Schöpfung steht. Seine diesbezüglichen Ansichten erweiterten sich zu Überlegungen von niederen und höheren Menschenrassen und Rassenhygiene. Diese Auffassungen, wie auch die Idee einer stetigen, linearen Höherentwicklung sind heute grundlegend überholt und widerlegt. Nazi-Deutschland öffneten sie jedoch Tür und Tor, Haeckel vollständig zu vereinnahmen.

Bild vergrößern

links: Ernst Haeckel, Monophyletischer Stammbaum der Organismen (1866)

rechts: Ernst Haeckel, Stammbaum des Menschen (1874)

Die Forschung am MPI für Menschheitsgeschichte greift grundlegende Ideen und Forschungsansätze dieser Jenaer Forscher auf: Sprachen werden, wie schon von Schleicher gefordert, mit naturwissenschaftlichen Methoden untersucht (Abteilung Linguistik und kulturelle Evolution) und Fragen zur Entwicklung der Menschheit und bio-kulturellen Co-Evolution werden mit modernen molekularbiologischen Methoden auf der Grundlage historischer Funde analysiert (Abteilung Archäogenetik). Mit der Gründung und dem Aufbau des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena erhält die Evolutionswissenschaft einen Ort, an dem Fragen zur Entwicklungsgeschichte vielfältiger biologischer und kultureller Phänomene mit modernsten (natur-)wissenschaftlichen Methoden beantwortet werden und kehrt zugleich zu ihren Ursprüngen in Deutschland zurück.

 
loading content