Publikation

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Blasi, D. E.; Michaelis, S.; Haspelmath, M.: Grammars are robustly transmitted even during the emergence of creole languages. Nature Human Behaviour (2017)

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Dr. Susanne Maria Michaelis
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Pressemitteilung: Universität Leipzig

Komplexe grammatische Muster können auch in Extremsituationen gelernt werden

Kreolsprachen geben Aufschluss über die Robustheit der Sprachweitergabe.

4. September 2017

Eine groß angelegte vergleichende Sprachstudie zeigt, dass die Grammatik von Kreolsprachen – die in mehrsprachigen Gesellschaften mit extremen sozialen Umwälzungen wie Sklaverei entstanden sind – sich aus den grammatischen Strukturen der Vorgängersprachen zusammensetzt, und sich nicht von Grund auf neu entwickelt hat. Die Studie, die heute in Nature Human Behavior veröffentlicht wurde, hat eine große Anzahl von Kreolsprachen und Nicht-Kreolsprachen analysiert und zeigt dabei die Robustheit der Weitergabe von Sprachtraditionen.

In den letzten Jahrhunderten hat es immer wieder Situationen gegeben, in denen größere verschiedensprachige Bevölkerungsgruppen sich auf einmal über die Sprachgrenzen hinweg verständigen mussten. Ein eindrucksvolles Beispiel dafür sind etwa die Situationen, in denen Menschen aus unterschiedlichen Gebieten Westafrikas versklavt und gezwungen wurden, auf Zuckerrohrplantagen in der Karibik zu arbeiten. Die so zusammengebrachten Menschen hatten oft viele unterschiedliche Sprachen, doch im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem Sprachengemisch eine einzige Sprache – eine Kreolsprache.

Kreolsprachen sind in ganz verschiedenen Teilen der Welt entstanden, von der Karibik bis Indien und den pazifischen Inseln. Aber einige gramatische Aspekte dieser Sprachen sind verblüffend ähnlich. So zeigen die meisten Kreolsprachen in Sätzen eine Wortfolge, die Sprachwissenschaftler als Subjekt-Verb-Objekt beschreiben, wie im Deutschen: Ein Gepard [Subjekt] jagt [Verb] eine Gazelle [Objekt], oder Der General [Subjekt] plant [Verb] den Angriff [Objekt].

Warum sind sich Kreolsprachen so ähnlich?

Verschiedene Sprachwissenschaftler haben angenommen, dass die ähnlichen Merkmale darauf zurückzuführen sind, dass Kreolsprachen generell aus sehr vereinfachten Kommunikationssystemen, sogenannten Pidgins, entstanden sind. Solche Pidgins hätten eine stark rudimentäre Grammatik gehabt, bestehend aus Wörtern und einfachen Versatzstücken der verschiedenen Ausgangssprachen. Dann hätte sich aus einem einfachen Pidgin womöglich nur innerhalb einer einzigen Generation eine Kreolsprache entwickelt, die komplexe Strukturen aufweist und dieselbe Ausdrucksstärke wie alle anderen Sprache besäße.

Die Karte zeigt die Sprachen, die im Rahmen der Studie analysiert wurden; Kreolsprachen in Blau, Nicht-Kreolsprachen in Rot. Bild vergrößern
Die Karte zeigt die Sprachen, die im Rahmen der Studie analysiert wurden; Kreolsprachen in Blau, Nicht-Kreolsprachen in Rot.

Die Eigenschaften, die allen Kreolsprachen gemeinsam sind, sollten also aus dieser Pidgin-Phase stammen. Pidgins stellen das einfachste mögliche Kommunikationsmittel dar, und Sprachmerkmale, die nicht zur effizienten Kommunikation beitragen, würden es nicht in Pidgins schaffen und somit auch nicht in Kreolsprachen auftauchen können, wie etwa das Genus-System des Französischen oder Italienischen, oder der Gebrauch von völlig verschiedenen Wörtern, um eine Handlung mit verschiedenen Zeitbezügen darzustellen, wie z.B. im Englischen go/went.

Eine andere Mutmaßung ist, dass Kreols aus Pidgins aufgrund eines angeborenen, biologisch verankerten “Grammatikbauplans” entstehen. Während viele Linguisten (am bekanntesten ist Noam Chomsky) glauben, dass die Menschen mit einer besonderen angeborenen Fähigkeit zum Spracherwerb ausgestattet sind, behauptet die Hypothese des Grammatikbauplans zusätzlich, dass wir auch eine Default-Grammatik besitzen. Wenn Kinder einer vollgültigen Sprache ausgesetzt sind, können sie diese erwerben, aber wenn sie stattdessen ein schlichtes verarmtes Kommunikationssystem wie ein Pidgin vorfinden, “füllen sie die Lücken” und bauen neue Grammatikteile auf, die direkt von dem Grammatikbauplan kommen, so dass eine Kreolsprache entsteht. Wenn das so wäre, dann wären die Kreolsprachen einfach deshalb so ähnlich, weil sie diese allen Menschen gemeinsame Grammatik widerspiegeln, und wir hätten ein hervorragendes Beweismittel für die Sprachevolution.

Die außergewöhnliche Fähigkeit der Menschen zum Spracherwerb

Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, an der Universität Leipzig und der Universität Zürich haben einen großen Datensatz grammatischer Informationen analysiert, sowohl von Kreolsprachen als auch von anderen Sprachen, und haben dabei sowohl Sprachwissen als auch Techniken des maschinellen Lernens benutzt. Das Ergebnis zeigt, dass Kreolsprachen in verschiedenen Erdteilen viele der grammatischen Muster der Sprachen bewahren, aus denen sie entstanden sind. Wenn Kreolsprachen alle dieselbe Eigenschaft haben, wie z.B. die Reihenfolge Subjekt-Verb-Objekt, dann liegt es daran, dass die allermeisten der Ausgangssprachen, aus denen die Kreols ihre Wörter bezogen, auch diese Eigenschaften hatten. Die Grammatiken der Kreolsprachen sind aus einer Mischung von verschiedenen Systemen entstanden, aber abgesehen davon unterscheiden sie sich nicht wesentlich von den übrigen Sprachen der Welt, und in den meisten Fällen bewahren sie Sprachstrukturen aus den vorrausgehenden Generationen.

Auch die Kreolsprache Bislama, die neben vielen anderen Sprachen auf Vanuatu gesprochen wird, wurde im Rahmen der vorliegenden Studie analysiert. Bild vergrößern
Auch die Kreolsprache Bislama, die neben vielen anderen Sprachen auf Vanuatu gesprochen wird, wurde im Rahmen der vorliegenden Studie analysiert.

"Kreolsprachen sehen sich auf den ersten Blick sehr ähnlich, aber jetzt wo wir mehr über die Sprachen der Welt wissen, sehen wir mehr und mehr Merkmale, die aus den afrikanischen, asiatischen und europäischen Sprachen ererbt wurden”, sagt Susanne Michaelis, eine Forscherin an der Universität Leipzig und am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte. Martin Haspelmath, auch am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, fügt hinzu: “Dies bedeutet, dass es keine Evidenz für ein Pidgin-Stadium in der Geschichte dieser Sprachen gibt”.

Dass diese Ergebnisse die These eines Pidgin-Stadium in der Entwicklung der Kreolsprachen widerlegen, ist nicht das einzige wichtige Ergebnis. “Für mich ist das überraschendste Ergebnis unserer Studien die Erkenntnis, dass Sprachen auf sehr robuste Weise weitergegeben werden”, kommentiert Damián Blasi, Wissenschaftler an der Universität Zürich und am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte und Erstautor des Beitrags. “Viele Kreolsprachen sind in Situationen wie Sklaverei und Handelsposten entstanden, wo das Sprachenlernen besonders schwierig scheint. Aber wir Menschen sind einfach sehr gut darin, alle möglichen komplexen Verhaltensweisen zu lernen und zu bewahren, so wie auch Musiktraditionen und Heiratsmuster. Unsere Studie zeigt, dass Sprache vielleicht das beste Beispiel für diese Fähigkeit ist.”

 
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