Publikation

Stefania Sarno, Alessio Boattini, Luca Pagani, Marco Sazzini, Sara De Fanti, Andrea Quagliariello, Guido Alberto Gnecchi Ruscone, Etienne Guichard, Graziella Ciani, Eugenio Bortolini, Chiara Barbieri, Elisabetta Cilli, Rosalba Petrilli, Ilia Mikerezi, Luca Sineo, Miguel Vilar, Spencer Wells, Donata Luiselli, Davide Pettener: Ancient and recent admixture layers in Sicily and Southern Italy trace multiple migration routes along the Mediterranean, Scientific Reports 7, Article number: 1984, doi: 10.1038/s41598-017-01802-4.

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Dr. Chiara Barbieri
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Gemeinsames genetisches Erbe von Sizilien bis Zypern

 

16. Mai 2017

Das Mittelmeer stellt eine der wichtigsten Drehscheiben in der Geschichte der Menschheit dar und fungiert gleichermaßen als Barriere und als Brücke zwischen drei Kontinenten und zahlreichen Bevölkerungsgruppen mit unterschiedlichen genetischen und kulturellen Hintergründen. Ungeachtet dieser komplexen Geschichte und heutigen nationalen Grenzen teilen die Bewohner der südost-europäischen Mittelmeerküsten ein gemeinsames genetisches Erbe. So sind die Bewohner mancher griechisch-sprachiger Inseln genetisch enger mit einigen Bevölkerungsgruppen Süditaliens verwandt als mit den Bewohnern des griechischen Festlands. Dies ist eines der zentralen Ergebnisse einer in Scientific Reports publizierten Studie, an der auch Chiara Barbieri vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena beteiligt war.

Die Karte zeigt an welchen albanisch-, griechisch- oder italienisch-sprachigen Orten die Gen-Proben für die Studie gesammelt wurden. Bild vergrößern
Die Karte zeigt an welchen albanisch-, griechisch- oder italienisch-sprachigen Orten die Gen-Proben für die Studie gesammelt wurden.

Die von Prof. Davide Pettener von der Universität Bologna koordinierte Studie beschreibt mit Hilfe hoch-auflösender genomischer Marker die genetischen Fingerabdrücke von mehr als 500 Personen heutiger Populationen der südost-europäischen Küstenregionen. Ihre genetischen Profile wurden analysiert, um die genetischen Beiträge früherer Populationen und die demographische Geschichte der Region zu rekonstruieren; finanziert wurde die Arbeit von der National Geographic Society. Erwartungsgemäß hat die wechselhafte Geschichte der Region, vielfältige Spuren im Erbgut der untersuchten Populationen hinterlassen. Dennoch: Eine dieser Schichten bezeugt die gemeinsame genetische Abstammung der Bewohner entlang der Küsten von Sizilien bis nach Zypern und Kreta, einschließlich der ägäischen Inseln und Anatolien. “Diese gemeinsame Mittelmeer-Abstammung reicht möglicherweise zurück bis in prähistorische Zeiten und könnte das Ergebnis mehrerer Migrationswellen mit Spitzen in der Jungsteinzeit und Bronzezeit sein”, sagt Erstautorin Stefania Sarno, Wissenschaftlerin an der Universität Bologna. Anscheinend war die Errichtung der “Magna Graecia”, die Kolonialisierung Süditaliens und Siziliens ab dem 8. Jahrhundert vor Christus durch griechische Siedler, nur eines der letzten Ereignisse in einer langen Geschichte der Ost-West-Bewegungen, bei denen das Mittelmeer als bevorzugte Drehscheibe für den genetischen und kulturellen Austausch diente.

Ein neuer Aspekt in der Debatte um die Ausbreitung der indo-europäischen Sprachen

Eine der faszinierendsten, in der mediterranen genetischen Landschaft verborgenen Schichten ist ein wichtiger bronzezeitlichen Beitrag aus einer Kaukasus- (oder kaukasus-ähnlichen) Quelle, bei gleichzeitiger Abwesenheit der typischen genetischen Komponente aus der asiatischen Steppe ("Pontic-Caspian"). Letzteres ist ein sehr charakteristisches genetisches Signal, das in Nord- und Osteuropa weit verbreitet ist. Frühere Studien assoziierten dies mit der Verbreitung der indo-europäischen Sprachen auf dem Kontinent. "Diese neuen genomischen Ergebnisse aus dem Mittelmeerraum schlagen ein neues Kapitel für das Studium der prähistorischen Wanderungsbewegungen auf, die zur Verbreitung der indo-germanischen Sprachfamilie geführt haben“, erklärt Chiara Barbieri. „Die Ausbreitung dieser Sprachen in den südlichen Regionen, in denen heutzutage indo-europäische Sprachen wie Italienisch, Griechisch und Albanisch gesprochen werden, lässt sich nicht allein mit dem maßgeblichen Beitrag aus der Steppe erklären.“

Quantitative lexikalische Rekonstruktionen stützen die "anatolische These" zur Herkunft der indo-europäischen Sprachen Bild vergrößern
Quantitative lexikalische Rekonstruktionen stützen die "anatolische These" zur Herkunft der indo-europäischen Sprachen

Der zeitliche und geographische Ursprung der indo-europäischen Sprachfamilie bildet den Mittelpunkt einer lebhaften Debatte zwischen Linguisten, Archäologen und Historikern. Dabei stehen sich zwei alternative Theorien gegenüber: Die anatolische Hypothese vermutet den Ursprung der indo-europäischen Sprachen in Anatolien vor mindestens 8 000 Jahren. Dagegen besagt die Steppen-Hypothese, dass der Ursprung dieser Sprachen in der Pontischen Steppe während der Bronzezeit vor rund 6000 Jahren liegt. Die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena konzentrieren sich auf diese Debatte und versuchen, augenscheinlich widersprüchliche Ergebnisse in Einklang zu bringen. Eine erste Beweislinie stammt aus einer linguistischen Analyse, die auf quantitativen lexikalischen Daten basiert. Das Ergebnis dieser Analyse zeichnete einen Stammbaum der indo-europäischen Sprachen, der die anatolische Hypothese unterstützt. Eine zweite Beweislinie stammt aus der Genetik, die auch zur Rekonstruktion von Migrationsbewegungen und genetischen Vermischungen beigetragen hat. Die Studie, die auf einer extrem umfangreichen Datenbasis beruht, zeigte eine wichtige demographische Bewegung, die perfekt mit der Steppenhypothese übereinstimmt. Die neuen genetischen Ergebnisse aus Südeuropa, stellen ein reines "Steppenmodell" in Frage und fügen den komplexen historischen Rekonstruktionen neue Aspekte hinzu.

Sprachliche und kulturelle Isolate in Süd-Italien

Die Bronzestatuen von Riace (Krieger von Riace) aus dem 5. Jahrhundert vor Chr., die nahe der Stadt Reggio Calabria gefunden wurden, wurden zum Symbol für die Anwesenheit der Griechen in Süd-Italien. (Museo nazionale della Magna Grecia, Reggio Calabria). Bild vergrößern
Die Bronzestatuen von Riace (Krieger von Riace) aus dem 5. Jahrhundert vor Chr., die nahe der Stadt Reggio Calabria gefunden wurden, wurden zum Symbol für die Anwesenheit der Griechen in Süd-Italien. (Museo nazionale della Magna Grecia, Reggio Calabria).

Die neue genetische Studie verweist auch auf jüngere historische Schichten, die zur heutigen genetischen Zusammensetzung der untersuchten Populationen beigetragen haben, insbesondere für die nicht-italienisch-sprachigen Gemeinschaften in Italien. Zum Beispiel scheinen die Bewohner des griechischen Festlands und Albaniens in historischen Zeiten zusätzliche genetische Beiträge erworben zu haben, die am wahrscheinlichsten mit den slawischen Migrationen auf dem Balkan zusammenhängen. Dieser neuere genetische Anteil ist in einigen ethno-sprachlichen Minderheiten Siziliens und Süditaliens noch evident, zum Beispiel bei den albanisch-sprachigen Arbereshe. Sie migrierten am Ende des Mittelalters von Albanien nach Italien und lebten in geographischer und kultureller Isolation, die für ihre unverwechselbare genetische Komposition eine wichtige Rolle spielte.

Ein anderes Beispiel ist das griechisch-sprachiger Gemeinschaften in Süditalien. Die genetischen Merkmale dieser Gruppen deuten auf einen früheren Zeitpunkt ihrer Ansiedlung sowie auf eine höhere kulturelle Durchlässigkeit zu den benachbarten Bevölkerungsgruppen hin, trotz gelegentlicher Abweichungen und geographischer Isolationseffekte, wie bei den kalabrischen Griechen. "Das Studium der sprachlichen und kulturellen Isolate in Italien erwies sich als wichtig, um unsere Geschichte und unsere Demographie zu verstehen", sagt Alessio Boattini, Genetiker und Anthropologe der Universität Bologna. "Die Beispiele der albanisch- und griechisch-sprachigen Gemeinden Süditaliens helfen, Licht in die Entstehung dieser kulturellen und sprachlichen Identitäten zu bringen".

"Insgesamt zeigt die Studie, wie sowohl genetische als auch kulturelle Sichtweisen unser Wissen über die komplexe Dynamik hinter der Ausformung unseres mediterranen Erbes erweitern können, vor allem im Kontext der sowohl geographisch als auch zeitlich umfassenden Vermischung", sagt Davide Pettener "Diese Ergebnisse", fügt Donata Luiselli hinzu, die das Projekt gemeinsam mit Davide Pettener weiterführen wird, “werden wir in zukünftigen Studien weiterentwickeln, indem wir die Erkenntnisse aus anderen Disziplinen, insbesondere der Linguistik, Archäologie und Paläogenomik, mit dem Studium der alten DNA aus archäologischen Resten integrieren."

 

 
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